
4. Das unvollendete Nachla�werk
Wir haben uns zum Schlu� noch mit dem unvollendeten Nachla�werke (dem sogenannten Opus postunum) zu befassen, an dem der greise Philosoph in seinen letzten Lebensjahren gearbeitet hat: obwohl das keine gerade leichte Aufgabe ist.1)
Dies umfassend gedachte Werk sollte nach zwei Briefen aus dem Herbst 1798 � an Garve vom 24. September, an Kiesewetter vom 19. Oktober � sein "kritisches Gesch�ft beschlie�en" und eine in seinem System noch befindliche "L�cke" ausf�llen. Er hat bis mindestens in das Jahr 1801, wahrscheinlich aber bis 1803 hinein eifrig daran gearbeitet. Hasse, einer seiner h�ufigsten Besucher in den letzten Jahren, sah es "mehrere Jahre" lang in mehr als 100 dicht beschriebenen Foliobogen, auf seinem Arbeitstische liegen und fand ihn oft noch, wenn er sich zum Mittagessen einfand, daran schreibend. Kants eigenes Urteil dar�ber lautete sehr verschieden. Zu Jachmann sprach er, anscheinend in fr�herer Zeit, "mit einer wahren Begeisterung" �ber dies Werk, das den "Schlu�stein seines ganzen Lehrgeb�udes" bilden und die Haltbarkeit und Anwendbarkeit seiner Philosophie "v�llig dokumentieren" sollte; und Hasse gegen�ber nannte er es in den letzten Jahren "sein Hauptwerk, ein Chef d'oeuvre", das sein System zu einem Ganzen vollende und nur noch zu redigieren sei (Hasse, S. 19). �hnlich meinte er zuweilen gegen Wasianski, nach dessen Ansicht er freilich "das Geschriebene selbst nicht mehr beurteilen konnte", es bed�rfe nur noch der letzten Feile: w�hrend er zu anderer Zeit wieder es nach seinem Tode verbrannt wissen wollte. Professor Schultz, dem Wasianski als bestem Dolmetscher Kants nach dessen Hingang die Handschrift zur Beurteilung vorlegte, riet von einer Ver�ffentlichung ab, da es nur "der erste Anfang eines Werkes" und "der Redaktion nicht f�hig" sei (Was., S. 195). Der letztere Punkt stimmt besser als der erstere. Bem�ht man sich n�mlich in den, zun�chst einen verworrenen Eindruck machenden, Inhalt einzudringen, so entdeckt man, dass weit mehr als der erste Anfang eines Werkes vorhanden ist, dass sogar zwei verschiedene Themata behandelt werden: ein natur- und ein allgemeinphilosophisches.
Der bei weitem gr��te Teil der Gesamtmasse enth�lt Materialien zu dem geplanten naturphilosophischen Werk, das die L�cke zwischen den 1786 erschienenen 'Metaphysischen Anfangsgr�nden der Naturwissenschaft' und der Physik im engeren Sinne ausf�llen will. Zur Beschleunigung seiner Abfassung ist Kant wahrscheinlich durch Schellings damals in rascher Folge erscheinende naturphilosophische Schriften (1797: 'Ideen zu einer Philosophie der Natur'; 1798: 'Von der Weltseele'; 1799: 'System der Naturphilosophie') veranla�t worden.
Als Grundprinzip f�r die Physik wird eine durch den ganzen Weltraum kontinuierlich verbreitete, alle K�rper gleichm��ig durchdringende bzw. erf�llende, mithin keiner Ortsver�nderung unterworfene Materie angenommen. Ohne diese, bald �ther, bald "W�rmestoff" genannte, Urmaterie, die uranf�nglich bewegende Kr�fte besitzt, w�rde kein Sinnengegenstand, keine Erfahrung m�glich sein. Der Wert der Mathematik f�r die Naturwissenschaft erscheint eingeengt: sie stellt keinen "Kanon", sondern nur ein "vielverm�gendes Instrument" f�r die Naturwissenschaft dar. "Mathematische" Naturwissenschaft ist, buchst�blich verstanden, ein Unding; sie bedeutet blo�, dass die Bewegung mathematisch behandelt, n�mlich gemessen werden kann, vermag dagegen keine der Materie eigene (dynamische) Kr�fte in das System hineinzubringen. Die Naturwissenschaft als (philosophia naturalis, auch wohl geradezu als "Physik" bezeichnet) wird in immer aufs neue sich wiederholenden Definitionen bestimmt als 'Wissenschaft von den bewegenden Kr�ften im Weltraum', als 'System der bewegenden Kr�fte der Materie' oder 'Erfahrungswissenschaft von den bewegenden Kr�ften der Natur, insofern die Materie ein nicht k�nstliches, sondern nat�rliches System ausmacht' u. �.
Nach weit ausgesponnenen, sehr h�ufig sich wiederholenden methodischen Er�rterungen, die zum Teil unmittelbar an die Kritik der reinen Vernunft, zum Teil an die 'Metaphysischen Anfangsgr�nde' von 1786 ankn�pfen, �ber die M�glichkeit des �berganges von der Metaphysik zur eigentlichen Physik, nach weiteren Untersuchungen �ber Erkennbarkeit, Existenz und Wesen der Materie wird dann als Kern des Ganzen der Begriff und das nach den bekannten vier Kategorien der Quantit�t, Qualit�t, Relation und Modalit�t eingeteilte Elementarsystem der "bewegenden Kr�fte" der Materie entwickelt. Das alles geschieht unter so zahlreichen Wiederholungen des n�mlichen Gegenstandes, dass nach Ausscheidung derselben der Inhalt des Ganzen, Reickes Sch�tzung zufolge, sich von etwa 100 auf kaum � 20 Foliobogen reduzieren w�rde. Wir m�ssen es dem Urteil der Fachleute �berlassen, ob sie in den oft �berlang sich ausspinnenden Meditationen des greisen Denkers fruchtbare Anregungen f�r die Naturforschung finden werden. Uns haben die meisten, insbesondere die nachweislich �lteren, noch aus den 90er Jahren stammenden Niederschriften keinen wesentlich anderen Eindruck gemacht als die �brigen 'Losen Bl�tter' aus dieser Zeit, das hei�t inhaltlich gegen�ber den gedruckten Schriften nichts prinzipiell Neues bietend; wohl aber eine Reihe scharfsinniger oder anregender Einzelgedanken, in der Form zahlreiche Wiederholungen, neue Ans�tze des gleichen Gedankens, Anakoluthe und andere Stillosigkeiten.
Auf die zahlreichen wertvollen Einzelgedanken k�nnen wir nat�rlich nicht eingehen; nur einen besonders wichtigen methodischen Grundzug m�chten wir nachdr�cklich betonen, der unseres Wissens noch von keinem Gelehrten 2) hervorgehoben worden ist: der methodische Idealismus, der Kants Philosophie von allen anderen unterscheidet, erscheint gerade in dem Nachgelassenen Werk, also bis zum Ende seiner philosophischen Denkarbeit, nachdr�cklichst festgehalten. Wir heben im folgenden die wichtigsten Belegstellen 3) heraus: Die Erfahrung wird gemacht, nicht gegeben (79). Wir machen selbst die Gegenst�nde als Erscheinungen durch die Kategorien (84 b). Auch die Physik mu� ihr Objekt selbst machen nach einem Prinzip der M�glichkeit der Erfahrung (166, vgl. 300). Wir k�nnen aus den Sinnenvorstellungen, welche die Materie der Erkenntnis ausmachen, nichts herausheben, als was wir selbst hineingelegt haben (97 c, vgl. 245). Die Vorstellungen der Sinnenobjekte kommen nicht ins Subjekt hinein, sondern sie und die Prinzipien ihrer Verkn�pfung untereinander wirken zur Erkenntnis dessen hinaus, um Gegenst�nde als Erscheinungen zu denken (91, vgl. 67, 233 b). Und zwar f�ngt (logisch betrachtet) der Verstand mit dem Selbstbewu�tsein, diesem logischen Akte an, an welchen sich dann das Mannigfaltige der �u�eren und inneren Anschauung anlehnt (171 in Verbindung mit 84 und 298 a). Demnach "mu� man vom Formalen anfangen, um zu wissen, wie man das Materiale suchen soll" (140).4) Auch Raum und Zeit sind Akte des Subjekts (102), "Aktus, wodurch das Subjekt sich selbst zum Behuf m�glicher Erfahrung selbst setzt a priori und sich zu einem Gegenstande konstituiert" (98). Die Prinzipien der M�glichkeit der Erfahrung ... sind subjektiv und dadurch objektiv (102, vgl. 245); und das vollzieht sich vermittelst der Kategorien, die "sich selbst (das Subjekt) zum Objekt konstituieren" (253).
Dabei will jedoch Kant nichts von einem subjektiven Idealismus wissen, der die Wirklichkeit der Gegenst�nde bezweifelt (258). Es ist vielmehr "in der transsz. Philosophie einerlei, ob ich die Sinnenvorstellungen idealistisch oder realistisch zum Prinzip mache, denn es kommt nur auf das Verh�ltnis der Gegenst�nde untereinander, nicht zum Subjekte, an (97 b). Selbstverst�ndlich "existiert" auch nach Kant "ein Sinnenobjekt au�er uns", dessen "objektive Realit�t" aber logisch, nicht physisch begr�ndet ist (269). Denn wir machen die Erfahrung selbst (s. oben) "nach einem formalen Prinzip der Zusammensetzung der empirischen Vorstellungen", von der wir nur "w�hnen", sie "durch Observation und Experiment gelernt zu haben", w�hrend wir sie in Wahrheit "nicht aus der Erfahrung, sondern umgekehrt f�r diese und zum Behuf derselben nach Prinzipien zu einem objektiven Ganzen der Sinnenvorstellungen verbinden" (245, vgl. 166, 242 ff., 300, 371). "Rein" bedeutet "Einheit der durchg�ngigen Verbindung" (305), a priori "notwendige Voraussetzung" zum Behuf m�glicher Erfahrung bzw. des Experiments (416). Das Zusammengesetzte kann als solches niemals durch blo�e Anschauung, sondern nur durchs Zusammensetzen, mit Bewu�tsein der Einheit dieser Verbindung, erkannt werden (365), weshalb denn auch die Zusammensetzung, nicht das Zusammengesetzte, zuerst gedacht werden mu�; das ist der neue, kritische Sinn des alten scholastischen Prinzips: forma dat esse rei (369 d). Auch der "Als-ob"-Gesichtspunkt tritt kr�ftig hervor (vgl. Vaihinger, a. a. O., S. 721�733). Wir sehen mithin alle kritischen Grundbegriffe und Grundansichten in dem Nachla�werke, zum Teil in noch pr�gnanterer Form, wiederkehren.
Aber wir nehmen daneben doch noch eine neue Tendenz wahr, die freilich bei Kants unmittelbaren Nachfolgern eine weit bedeutendere Rolle gespielt hat: die von der Kritik zum System. Im Grunde ist ja in den drei "Kritiken" das System schon enthalten. Denn es "d�rfen", wie das Kapitel von der Architektonik der reinen Vernunft (Kr. 860 ff.) ausf�hrt, "unter der Regierung der Vernunft unsere Erkenntnisse �berhaupt keine Rhapsodie, sondern sie m�ssen ein System ausmachen"; und systematische Einheit "ist dasjenige, was gemeine Erkenntnis allererst zur Wissenschaft, das ist aus einem blo�en Aggregat derselben ein System macht", das aus einem und demselben Prinzip folgt, nach notwendigen Gesetzen zusammenh�ngt, und in dem allererst die Vernunft Ruhe findet. Trotzdem hatte die Kritik an mehreren Stellen, die man im Sachregister meiner Ausgabe (Hendel, Halle) findet, auf ein k�nftig noch zu lieferndes System, eine "Metaphysik" der Natur und der Sitten, hingewiesen. Die letztere (eigentlich, wie wir in Buch III, Kap. 2 sahen, nur eine angewandte Ethik) war dann 1797, von der ersteren 1786 die 'Anfangsgr�nde' herausgekommen. Durch sein Manuskript vom '�bergang von den metaphysischen Anfangsgr�nden der Naturwissenschaft zur Physik', das in der Tat in der Krauseschen Zusammenstellung bereits ziemlich weit ausgebaut erscheint, glaubte er nun jene L�cke ausgef�llt zu haben. Gleichwohl f�hlte er sich auch dadurch noch nicht v�llig befriedigt. "Es liegt in meinem Plane und sozusagen in meinem nat�rlichen Beruf, mich, was Philosophie betrifft, innerhalb der Grenzen des a priori Erkennbaren zu halten", aber "das Feld derselben wom�glich auszumessen und in einem Kreise, der einfach und einig ist; einem nicht willk�rlich ausgedachten, sondern durch reine Vernunft vorgezeichneten System darzustellen" (bei Krause, Nr. 15).
Offenbar hat zu diesem "Plan" das Auftauchen der neuen "Systeme" seiner Nachfolger: der Reinhold, Fichte, Schelling usw. mit beigetragen, anscheinend wieder besonders Schellings 1800 erschienenes 'System des transzendentalen Idealismus', das in dem Manuskript zweimal mit vollem Titel zitiert wird. So erscheinen denn neben jenem schon ziemlich weit ausgef�hrten naturphilosophischen Werk, das in dem bisher Ver�ffentlichten bei weitem den meisten Raum einnimmt, die Anf�nge eines zweiten Werkes allgemein-philosophischen Charakters, an dem er anscheinend erst in seinen allerletzten Jahren, von 1801�1803, gearbeitet hat. Es wird � an die eigene "transzendentale" Methode, aber doch auch an den Titel von Schellings Werk anklingend � gew�hnlich als 'Transzendental-Philosophie', genauer 'System der Transzendentalphilosophie', auch 'Der Transzendental-Philosophie h�chster Standpunkt', aber auch als 'System der reinen Philosophie,' mehrmals auch mit dem auffallenden Nebentitel 'Zoroaster' bezeichnet: im ersten Konvolut finden sich nach Reickes Z�hlung ungef�hr 30 Ans�tze zur Formulierung! Und da das Letzte, wozu des Menschen Gedanken gelangen k�nnen, die drei Ideen: Gott (selbst wenn man sein Dasein leugnet), die Welt und der Mensch selbst als vern�nftiges Wesen sind, so zerf�llt es in drei Abschnitte: 1. "Gott, 2. die Welt und 3. ich selbst, der Mensch als moralisches (an einzelnen Stellen auch: denkendes) Wesen".
In einem Gegensatz zu seinem kritischen Lebenswerk stehen die Ausf�hrungen der Handschrift nicht. Denn die drei genannten Ideen werden ausdr�cklich 'Dichtungen' der reinen Philosophie oder reinen Vernunft genannt, die nur behufs der "Einheit m�glicher Erfahrung" erdacht sind. Sie haben also genau den gleichen Sinn wie die regulativen Ideen der transzendentalen Dialektik, als deren Fortsetzung man das geplante 'System der Transzendental-Philosophie' ebenso betrachten k�nnte, wie das naturphilosophische Werk 'Vom �bergang' als Fortsetzung der Lehre von den Grunds�tzen gelten kann.
Deutlich ausgef�hrt sind in dem Entwurf nur eine Anzahl Paragraphen des ersten Abschnittes: �ber Gott. "Gott" erscheint auch hier als blo�e Idee oder, wie es an einer Stelle (Reicke, S. 412 Anm.) besonders klar hei�t: "Gott ist nicht ein Wesen au�er mir, sondern blo� ein Gedanke in mir." Ausdr�cklich wird darum auch der Gegensatz zu dem Pantheismus Schellings (Weltseele) und des damals viel gefeierten Spinoza betont. Trotzdem ist der Idee Gottes "nicht Pers�nlichkeit zu attribuieren", sondern "die Idee von Gott als lebendigem Gott ist immer das Schicksal, welches dem Menschen unausbleiblich bevorsteht". Auch sonst finden sich h�chst interessante Gedanken, wie wenn die Frage aufgeworfen wird: "Ob Gott auch einen guten Willen dem Menschen geben k�nne?" mit der Antwort: "Nein, sondern der verlangt Freiheit." Oder welch weite Perspektive ergibt sich aus folgender Parallele zwischen theoretischer und praktischer Idee: "Der kategorische Imperativ (die Freiheit des Menschen) eine Idee analog der Newtonschen Attraktion durch den leeren Raum" (Reicke, S. 336 Anm.)! Und solcher Gedankenblitze lie�en sich noch eine ganze Reihe anf�hren.
Jeder Leser dieser Kantischen Aufzeichnungen wird erkennen, wie recht ein Professor Mehmel aus Erlangen hatte, wenn er nach seiner R�ckkehr aus K�nigsberg Wilhelm von Humboldt erz�hlte, der 71j�hrige Denker habe "noch eine ungeheuer gro�e Menge unbearbeiteter Ideen im Kopfe, die er noch ... alle in einer gewissen Reihe bearbeiten wolle" (Humboldt an Schiller, 5. Okt. 95); und wie oberfl�chlich Kuno Fischer das Opus postumum eingesehen haben mu�, wenn er es f�r ein ziemlich wertloses Erzeugnis von Kants "Senilit�t" erkl�rt. Gewi�, namentlich das am sp�testen entstandene zuoberst liegende, 11 Bogen umfassende Konvolut, an dem der Greis, nach dem Umschlag (vom 22. Mai 1801) zu schlie�en, vielleicht erst von diesem Jahre an, und sicher bis in sein letztes, achtzigstes Lebensjahr gearbeitet hat, enth�lt manche tragische Spuren von der ersch�pften Kraf des einst so gewaltigen Geistes. Nach Rudolf Reicke findet sie bei keinem anderen "so viel ausgestrichen, �ber- und zwischengeschrieben, so dicht und mit so kleiner, bisweilen unleserlicher Schrift, dass das Ganze buntscheckig aussieht und das Auge beim Lesen erm�det". Und, was mehr als diese nicht nur bei dem fr�heren Kant, sondern sicherlich auch bei vielen heutigen Gelehrten vorkommenden �u�erlichkeiten besagen will: "Erm�dend wirkt auch der Inhalt. Wohl mehr als 60mal versucht Kant den Titel f�r sein Werk [gemeint ist das zweite. K. V.] zu fixieren ... noch viel h�ufiger, mindestens 150mal, m�ht er sich ab, eine Definition der Transzendental-Philosophie zu geben und den Gegenstand derselben zu bestimmen." Zuletzt gehorcht ihm, wie wir hinzuf�gen m�chten, auch die Feder nicht mehr. Er verschreibt sich �fters, besonders bei den eingestreuten Ged�chtnisnotizen ('Allotriis'); z. B. "das von Rhodsche Stidendium" � "Ein Vligilantius" � "Olbers P(l)anet" (S. 310) und vor allem (S. 311): "Im 80 sich sechsten [sic!] Jahr meines Alters Nach dem die 70sechsicher und auch die 70siebscher verlaufen."
Indes die letzterw�hnten Stellen sind doch nur Ausnahmeerscheinungen fortgeschrittener Altersschw�che aus seinem letzten Lebensjahre. Und was die h�ufigen Wiederholungen und Formulierungsversuche eines und desselben Gedankens betrifft, so ist immerhin zu bedenken, dass er diese Bogen blo� f�r seinen eigenen Gebrauch niederschrieb, und dass sie sich, wenngleich bei weitem nicht in dem Ma�e, auch in seinen fr�heren Losen Bl�ttern finden. Schlie�lich gelingt ihm doch eine durchaus klare und wertvolle Bestimmung der 'Transzendental-Philosophie' als desjenigen "philosophischen Erkenntnissystems, welches a priori die Gegenst�nde der reinen Vernunft in einem System notwendig verbunden darstellt". Jedenfalls darf der Eindruck der sp�testen Niederschriften nicht unser Urteil �ber das Ganze bestimmen. Wer sich auch nur einigerma�en in die allerdings nicht leichte Lekt�re des Nachla�werkes vertieft hat, der wird seine Bedeutung weder �ber- noch untersch�tzen. Er wird es zwar nicht mit A. Krause f�r die "tiefste und folgenschwerste aller Schriften Kants" oder f�r "ein Riesenwerk" erkl�ren, das "jeden Sachkundigen zum Staunen und zur Bewunderung hinrei�en m�sse", aber noch viel weniger mit Kuno Fischer von dem "traurigen und �den Anblick des nachgelassenen Kantischen Werkes" reden. Er wird das unvollendete Erzeugnis seines h�chsten Alters gewi� den gro�en kritischen Werken seiner Reife- und auch den geistvollen Schriften seiner Werdezeit nicht gleichstellen; aber er wird sich freuen, in ihm zahlreichen Best�tigungen, ja hier und da sogar gl�cklichen neuen Formulierungen seiner philosophischen Methode und daneben einer ganzen Reihe von interessanten, seinen Geistesreichtum auf allen Gebieten menschlicher Weisheit verratenden Bemerkungen zu begegnen, den ihm auch das hohe Greisenalter nur geschw�cht, nicht geraubt hat.
___________________
1) Hier nur das N�tigste �ber die �u�ere �berlieferung und teilweise Ver�ffentlichung der Handschrift. Um 1865 kam sie aus der Hinterlassenschaft von Konsistorialrat Schoen (S. 340) in die H�nde von Rudolf Reicke (K�nigsberg), der in drei Jahrg�ngen der 'Altpreu�ischen Monatsschrift' (1882�1884) unter dem Titel 'Ein ungedrucktes Werk von Kant aus seinen letzten Lebensjahren' etwa zwei Drittel des Ganzen, n�mlich neun von den 13 "Konvoluten" auf nahezu 700 Druckseiten mit Hilfe E. Arnoldts herausgegeben hat: �brigens an einer Reihe von Stellen zusammenhanglose Worte und au�erdem einen Teil der gerade f�r den Biographen wertvollen "Allotria", das hei�t mit dem Werk nicht in Zusammenhang stehenden Notizen, auslassend und an zahlreichen anderen Stellen den Text durch willk�rliche Konjekturen ver�ndernd. So steht der Leser, namentlich der Laie, vor ihr wie vor einem Labyrinth, das er selbst erst entr�tseln soll. Darum sollte man nicht mit Kuno Fischer, der fr�her durch sein Ansehen das Urteil des gro�en, auch des philosophischen, Publikums fast ausnahmslos bestimmt hat, �ber das Unternehmen des Pastors Albrecht Krause (Hamburg) schlechtweg aburteilen, der das Manuskript um 1884 von einem Enkel Schoens gekauft und reiche Ausz�ge aus demselben unter dem Titel 'Das nachgelassene Werk I. Kants: Vom �bergange von den metaphysischen Anfangsgr�nden der Naturwissenschaft zur Physik mit Belegen popul�r-wissenschaftlich dargestellt' (Frankfurt 1888) ver�ffentlicht hat. Gewi� ist Krauses eigene "popul�re Darstellung" wissenschaftlich ziemlich wertlos. Aber er hat sich wenigstens das eine Verdienst erworben: durch die Art der Anordnung, in der er den Kantischen Text bringt, zum erstenmal Ordnung in das Durcheinander der Handschrift gebracht, ja eine klare sachliche �bersicht �ber den naturphilosophischen Teil der ver�ffentlichten St�cke gegeben zu haben. Auf jeden Fall aber ist im Interesse der Wissenschaft aufs tiefste zu bedauern, dass anscheinend auch f�r die Zukunft keine Aussicht besteht, den gesamten Text des Nachla�werkes in authentischer Form der gro�en Akademie-Ausgabe von Kants 'Gesammelten Schriften' einverleibt zu sehen
Nachschrift. Mehrere Jahre, nachdem wir dies geschrieben, ist eine wichtige Neuver�ffentlichung von dem verdienten Herausgeber des Kantischen Nachlasses in der Akademie-Ausgabe, Professor Erich Adickes in T�bingen, erschienen, auf die in Zukunft alle diejenigen werden zur�ckgehen m�ssen, die sich mit Kants Nachla�werk besch�ftigen wollen. Es erf�llt mich mit Genugtuung, dass Adickes, der das Nachla�werk genau studiert, auch eine Woche lang in Hamburg das Manuskript einzusehen Gelegenheit hatte, in seinem Urteil �ber den Wert des Ganzen im wesentlichen denselben Standpunkt teilt wie ich, ja diesen Wert beinahe noch h�her anschl�gt, namentlich 1. in bezug auf die noch reinere Durchbildung der Moral, w�hrend die Religion ganz auf das Gebiet des pers�nlichen Glaubens verwiesen wird, wie 2. in der Richtung auf die noch st�rkere Ausbildung des theoretischen Idealismus. (E. Adickes, Kants Opus postumum dargestellt und beurteilt. Berlin 1920, 855s.)
2) Wie denn �berhaupt in der Legion der Kantliteratur das Opus postumum allein noch wenig behandelt worden ist (vgl. jedoch S. 287 Anm.).
3) Wir zitieren nach den Nummern von Krauses Ausgabe� die ihrerseits auf den Ort in Reickes Ausgabe genau verweist.
4) Wie denn ein gleichzeitiges (um 1798/99) Loses Blatt (bei Reicke, G 3, S. 11) sagt: "Man k�nnte mit Hrn. Beck von den Kategorien anfangen." Die heutige 'Marburger Schule' H. Cohens und P. Natorps ist dem gefolgt.