
Sechstes Kapitel
Ende der Lehrt�tigkeit. Letzte Schriften
Das unvollendete Nachla�werk
1. Ende der Amtst�tigkeit
Schon in den letzten Semestern seiner Lehrt�tigkeit beendete der flei�ige und gewissenhafte Dozent, der bis dahin vier Jahrzehnte lang so gut wie nie eine Kollegstunde ausgesetzt hatte, seine Vorlesungen fr�her als sonst. W�hrend er vordem das Wintersemester oft vom Oktober bis in den April hinein ausgedehnt hatte, schlo� er 1795/96 schon am 26., 1794/95 bereits am 21. Februar. Im Sommer 1796 las der 72j�hrige zum letztenmal �ber die gewohnten Gegenst�nde: von 7�8 morgens Logik vor etwa 40 Zuh�rern, ohne Angabe der Stunde Physische Geographie; das au�erdem �bliche 'Examinatorium' hat er nicht mehr abgehalten, ja nicht einmal mehr angek�ndigt. Aber auch die Vorlesungen brach er fr�her als gew�hnlich ab: die geographische bereits am 18., die logische am 23. Juli. An letzterem Tage, also am 23. Juli 1796 hat Kant � so d�rfen wir nach den Universit�tsakten heute, gegen�ber den unrichtigen oder schwankenden Darstellungen der bisherigen Biographen, fast mit Gewi�heit behaupten � zum letztenmal das philosophische Katheder betreten: gewi� nicht aus Gem�chlichkeit, wie er "nach einem und einem halben Jahre" im Dezember 1797 an Fichte schreibt, sondern unter dem Zwange des Alters. F�r die drei n�chsten Semester hat er zwar Metaphysik bzw. Logik und Geographie im Lektionskatalog noch angezeigt, jedoch von vornherein mit dem Zusatz: modo per valetudinem seniumque liceat, das hei�t falls es Gesundheit und Alter erlauben. Und in den Akten des Berliner Oberschulkollegiums, in denen die Professoren �ber die gehaltenen Vorlesungen zu berichten hatten, findet sich f�r die n�mlichen drei Semester von Kants eigener Hand eingetragen: "Ich habe Alters und Unp��lichkeit halber keine Vorlesungen halten k�nnen" bzw. "hat wegen Schw�che des Alters nicht lesen k�nnen", "hat Alters und Krankheit halber nicht Vorlesungen halten k�nnen". Zum �berflu� wird dieser Sachverhalt auch noch durch bisher ungedruckte Briefe von Kants Freund Goeschen an seinen ausw�rts studierenden Sohn best�tigt, dem er sowohl am 2. Februar wie am 15. Juni und am 7. Oktober 1797 die Neuigkeit mitteilt, dass Kant nicht mehr lese; das letzte Mal mit den Worten: "Auf der hiesigen Academie ist alles noch bei dem alten ... und die Academie hat weiter keinen Verlust, als dass Kant in dieser Welt nicht mehr lieset, erlitten." F�r die beiden folgenden Semester (1798 und 1798/99) ist ein �hnlicher Vermerk in den Akten durch Mangelsdorff bzw. Reusch � wohl die jeweiligen Dekane der Fakult�t � gemacht. Vom Sommer 1799 an findet sich auch Kants Name in dem Vorlesungs-Verzeichnis nicht mehr aufgef�hrt.
Das Amt eines Dekans hatte er schon seit 1791 nicht mehr bekleidet (vgl. Buch III, Kap. 8). Und als zu Ostern 1796 an ihn wiederum die Reihe kam, Rektor zu werden, lehnte er die ihm vom Senat angetragene W�rde durch ein noch erhaltenes Schreiben an den derzeitigen Rektor, den Mediziner Elsner, ab, "da ich, durch die Schw�chen meines Alters gedrungen, mich zu F�hrung desselben f�r unverm�gend erkl�ren mu�". Weil jedoch auch Eisner die ihm von Seiten des Philosophen durch Vermittlung von Kraus nahegelegte Weiterf�hrung des Amtes im Namen Kants mit R�cksicht auf seine Arbeiten nicht annehmen zu k�nnen erkl�rt (Eisner an Kant, 23. Februar 1796), so verzichtet dieser ausdr�cklich auch auf alle "Emolumente", mit der Bitte, ein anderes Fakult�tsmitglied zu w�hlen (K. an E. 26. Febr.).
In den Kreisen der Studierenden hatte man anscheinend bis Sommer 1797 noch eine Wiederaufnahme der Vorlesungen f�r m�glich gehalten. Wenigstens fand erst in diesem Sommer eine offenbar ganz spontan von der Studentenschaft K�nigsbergs veranstaltete Abschiedsfeierlichkeit zu Ehren des scheidenden Lehrers statt. Am 14. Juni 1797 zog die gesamte studierende Jugend in feierlichem, von mehreren Musikkorps begleitetem Zuge vor das stille Haus in der Prinzessinstra�e. Als ihr erw�hlter Redner begab sich der 20j�hrige Graf Heinrich Lehndorff in die Wohnung Kants, um ihm nicht blo� im Namen der Studierenden, zu denen er wie ein Vater gesprochen, sondern "als Redner einer Welt" f�r "50 arbeitsvolle Jahre" zu danken, die er der "Wahrheit und Aufkl�rung" geweiht. Er gab ihm statt allen Dankes die "feierliche Versicherung, dass Ihre Lehren nie aus unseren Herzen weichen werden, sondern dass unser eifrigstes Bestreben dahin gehen soll, der Nachwelt durch unsere Handlungen zu zeigen, dass wir Ihrer w�rdig waren". W�hrend von den unten versammelten Studenten ein dreimaliges jubelndes "Vivat" angestimmt wurde, �berreichte er sodann dem Jubilar ein zu diesem Zwecke verfa�tes, sechsstrophiges Poem.1) Der "alte Veteran" war, um mit den Worten Goeschens zu reden, noch "heiter und recht munter und nahm die Ehre, die man ihm erwies, mit vieler Freude entgegen" (Ungedruckter Briei Goeschens an seinen Sohn, 15. Juni 1797).
Ein Irrtum war es freilich, wenn es in demselben Briefe hei�t: die "herrliche und feierliche Musik" w�re ihm, "noch immer dem Liebling sowie Stern erster Gr��e unserer Akademie", aus dem Grunde dargebracht worden, weil er am 14. Juni vor 50 Jahren "sein Auditorium er�ffnet" habe. Das war vielmehr, wie wir wissen, erst im Herbst 1755 geschehen. Sondern man hatte sich ausgerechnet, dass Kants Schriftstellert�tigkeit jetzt gerade ein halbes Jahrhundert umfasse: allerdings ziemlich k�nstlich und nicht recht zutreffend, indem man als deren Anfangszeit das Datum der Vorrede seiner ersten Schrift (22. April 1747), und nicht deren wirkliches Erscheinungsjahr (1749) annahm. Deshalb steht �ber der abschriftlich erhaltenen Rede des jungen Grafen: "Rede, welche ich dem Professor Immanuel Kannt [sic!] bey Gelegenheit seines 5oten Schriftsteller-Jahres im Nahmen der Universitaet ausarbeitete und hielt." Aus demselben Grunde hie� es in dem "Carmen", das ihn vorher als "der Erde allergr��ten Geist", der selbst einen Plato und Newton weit hinter sich He�, gepriesen:
"Mehr denn achtzehntausend Tage schon
Sind als Lehrer ruhmvoll Dir entflohn,
Und noch blickt Dein Geist mit Jugendf�lle
In.das Heiligtum der h�chsten Wahrheit,
Hellt das Dunkelste mit lichter Klarheit,
Trotz dem Schwanken seiner schwachen H�lle."
Allein, wenn Kant auch seine Vorlesungen eingestellt, auf die Bekleidung des Dekan- und Rektoramtes freiw�lig verzichtet hatte und seit 1795 auch die allw�chentlichen Senatssitzungen, an denen er ja niemals gern teilgenommen, nicht mehr besuchte, hatte er doch keine Lust, sich zwangsweise aufs Altenteil setzen zu lassen, wie es von gegnerischer Seite bald nach dieser Abschiedsfeier versucht wurde. Im November 1797 beantragte n�mlich unter dem Rektorat Metzgers der Universit�tskanzler (Holtz-hauer), dass die bisher unbesetzt gebliebenen Senatsstellen Kants und seines in gleichem Falle befindlichen theologischen Kollegen Reccard k�nftig durch zwei "Adjunkten" besetzt werden sollten. In einer ausf�hrlichen und geharnischten Erkl�rung wies der greise Philosoph diesen Antrag als "unrichtig in seiner Angabe, widersprechend in seinem Plane und beleidigend in seiner Zumutung" energisch zur�ck. Er und Reccard h�tten sich durch ihr Fehlen im "Sessionszimmer" keineswegs f�r emeriti � wie der Ausdruck "auf Reichsuniversit�ten" laute �, das hei�t f�r Leute erkl�ren wollen, die, nachdem sie "g�nzlich von der Akademie Abschied genommen, jubiliert, das ist in den Ruhestand gebracht und auf Pension gesetzt" sind: "ein Gebrauch, der bei uns unerh�rt ist und auch immer bleiben wird" (Kant an den Rektor, 3. Dez. 1797). So verstand der alte Veteran, wo es galt, sich seiner Haut zu wehren. Das ostpreu�ische Ministerium erteilte denn auch auf einen wiederholten Antrag Holtzhauers diesem die geb�hrende Antwort: dass es nicht "gemeinet" sei, "denen Professoren Reccard und Kant, welche der Academie viele Jahre hindurch mit Ruhm und Nutzen gedient haben, und zu denen Wir das Vertrauen hegen k�nnen, dass sie, soviel ihre Kr�fte es gestatten, auch darin fortfahren werden, Geh�lfen f�r ihre akademischen Gesch�fte beizuordnen, zumalen sie selbst darum nicht angesuchet haben" (31. Juli 1798).
Es kam Kant in diesem Falle wohl mehr auf das Prinzip an. Denn als im November 1801 sein weit j�ngerer Freund und Kollege Kraus seine Senatorenstelle niedergelegt hatte und damit zwei von den vier Senatssitzen der Fakult�t tats�chlich unbesetzt zu sein drohten, folgte er der Anregung eines Schreibens von Rektor und Senat, das ihm die sogenannten "Emolumente" bis an sein Lebensende �berlie�, und verzichtete auch seinerseits auf seine Stelle, in die dann Hasse einr�ckte. Das von ihm nicht mehr geschriebene, sondern nur noch unterzeichnete, vom 14. November 1801 datierte Schriftst�ck bildet, soviel bisher bekannt, die letzte amtliche Erkl�rung Kants.2)
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1) Die Rede Lehndorffs ist zum erstenmal in der 'Altpreu�ischen Rundschau' 1913, 7. Heft, S. 224 f. ver�ffentlicht worden, das Gedicht in der Akad.-Ausg. von Kants Werken, Bd. XII, S. 433�435.
2) Auf dem 9. Bogen des 1. Convoluts seines Opus postumum findet sich, allerdings nachtr�glich durchstrichen, der Passus: "Da ich wegen k�rperlicher Schw�che den Sessionen des Acad. Senats nicht beiwohnen kann, so will ich mir gern gefallen lassen, dass der Herr Consistorial Rath Hasse in diese von mir verlassene Stelle aszendiere." � Am 30. Juli 1801 teilt ihm die philosophische Fakult�t mit, dass sie ihm die sogenannten Fakult�ts- und Initiations-Emolumente belasse, nur nicht die Dekanatsgeb�hren.