
H�rerkreis und G�ste
Fachm��ig gelehrte Unterhaltung h�tte auch gar nicht zu dem H�rerkreis gepa�t, den der alte Philosoph an seinem Tisch zu sehen pflegte. Er war, wie sein Umgang von jeher, aus allen St�nden zusammengesetzt: "Dienstm�nnem", das hei�t h�heren Beamten, Kollegen, Kaufleuten, �rzten, Philologen, einzelnen Geistlichen, gelegentlich auch Studierenden; denn er liebte bis in sein hohes Alter die frische Jugend. Seine alten Freunde waren nur zum Teil noch am Leben, dagegen manche neue hinzugekommen. So unter den Kollegen zu Kraus und Hagen drei fr�here Zuh�rer: der 1752 geborene K. L. P�rschke, eine liebensw�rdige, offene Natur, der einst Kants Logik 6mal, seine Metaphysik 5mal hintereinander geh�rt hatte, jetzt aber nicht mehr auf Kants Worte schwur, �brigens auch, im Gegensatz zu manchen anderen, nichts auf �u�erlichkeiten und Beliebtheit nach oben gab, seit 1787 Magister, sp�ter au�erordentlicher Professor an der Albertina. Weiter der Herausgeber seiner Physischen Geographie und P�dagogik (s. Kap. 6) F. Th. Rink, 1792/93 und wieder 1795�1801, gew�hnlich zweimal w�chentlich; und der Mathematiker Gensichen, dem er seine B�cherei vermachte.
Von h�heren Verwaltungsbeamten und Juristen (au�er Hippel): der Lizentrat Johann Brahl (geb. 1754), ein feiner, auch literarisch bewanderter Kopf; der freundliche und kluge B�rgermeister Buck, Sohn seines einstigen Rivalen bei der Professorwahl und Schwager Wasianskis; der sp�tere Regierungsdirektor J. G. Frey (1762�1831), damals noch Mitglied des Stadtgerichts, freidenkend, vielseitig gebildet und doch bescheiden, sp�ter Hauptmitarbeiter an der preu�ischen St�dteordnung von 1808; der klar verst�ndige Stadt- und Kriminalrat Jensch, und vor allem der Regierungs-, das hei�t Oberlandesgerichtsrat Vigilantius, der noch als erwachsener Mann alle Vorlesungen Kants, wie die von Kraus und Hagen, h�rte und neben seiner vielseitigen Bildung insonderheit ein vorz�glicher Jurist war. Seiner gerne gew�hrten Hilfe bediente sich unser Philosoph in allen Rechtssachen, z. B. bei der Aufstellung seiner testamentarischen Verf�gungen, "da ich im gerichtlichen Fache ein Kind bin" (Kant an Vig., 27. Febr. 1798).
Von Kaufleuten besuchten ihn nach Ruffmanns Tode (1794) noch: Friedrich Conrad Jacobi, der Neffe und Gesamterbe seines alten Freundes (s. Buch II), der ihn in Geldangelegenheiten beriet, und dessen Schwiegersohn G�decke; sein Verleger Nicolovius, der alte Freund Motherby' der am 27. Mai 1799 starb, und dessen �ltester Sohn John (Joseph). Interessanter waren die beiden j�ngeren S�hne: der reich begabte und geistvoll lebendige Mediziner William, der am 22. April 1805 die heute noch bestehende K�nigsberger Kantgesellschaft ins Leben rief, und der Sprachlehrer Robert, der sich sp�ter in den Freiheitskriegen auszeichnete und bei Leipzig fiel. � Von P�dagogen, die damals ja noch keinen besonderen Stand bildeten, erw�hnt ein Berichterstatter noch den Inspektor der Armenschulen Ehrenboth, dessen fr�her Tod dem Philosophen besonders naheging. � Von �rzten z�hlten zu Kants Kreise au�er dem jungen Dr. Motherby mehrere andere t�chtig in der Welt herumgekommene und mit dem neuesten Stand ihrer Wissenschaft vertraute junge M�nner, wie der �ltere Jachmann, ein Sohn seines Kollegen Reusch, ein Dr. Laubmeyer und Professor Elsner. Der j�ngere Jachmann, sein einstiger Sch�ler und sp�terer Biograph, sp�ter Provinzialschulrat in K�nigsberg, leitete damals ein Erziehungsinstitut bei Danzig. � Von Geistlichen scheint Borowski niemals zu der regelm��igen Tafelrunde unseres Weisen geh�rt zu haben, dagegen au�er Wasianski, den wir noch genauer kennen lernen werden, der wackere Pfarrer des Vorortes Haberberg Sommer (1754�1826), der Kant schon lange kannte und t�chtige Kenntnisse in der Meteorologie und Astronomie besa�; zu seiner �bersetzung von Herschels Schrift �ber das Weltgeb�ude hat der Philosoph ein Vorwort geschrieben. � In den letzten Jahren kamen noch der mehrfach erw�hnte Orientalist Hasse und, als j�ngster von allen der j�ngere Reusch, sp�ter Geheimer Oberregierungsrat in K�nigsberg, hinzu, dessen hinterlassener Schrift 'Kant und seine Tischgenossen' wir einen Teil der im vorigen benutzten Daten verdanken, ferner der Regierungsrat Schreiber.
Von weiblichen Tischg�sten h�ren wir, wie zu erwarten war, bei dieser Junggesellenwirtschaft nichts; denn die Nachricht von der jungen J�din (Buch III, Kap. 8) ist doch ziemlich apokryph. Eheabsichten hatte Kant, wie wir uns erinnern, seit zwei Jahrzehnten Valet gesagt und wandte sich ge�rgert ab, falls man ihn noch in seinem Alter in zudringlicher Weise zum Heiraten aufmunterte, ja verlie� wohl gar eine Gesellschaft, "in welcher ihm auch nur im Scherz dazu Vorschl�ge geschahen". Es m��te denn in so naiv-drolliger Weise geschehen sein, wie es einmal der Lazarettpfarrer Becker machte. Dieser, ein gutm�tiger Mann, der �fters Kants Wohlt�tigkeitssinn f�r seine Armen in Anspruch nahm, versuchte unseren Philosophen noch in dessen 69. Jahre zur Ehe zu bekehren. Er zog bei einem Besuche eine selbstverfa�te Brosch�re aus der Tasche, die er haupts�chlich f�r Kant habe drucken lassen, und die betitelt war: 'Raphael und Tobias, oder das Gespr�ch zweier Freunde �ber den Gott wohlgef�lligen Ehestand.' Kant war gutm�tig genug, sie freundlich entgegenzunehmen, ja sogar den Verfasser f�r die gehabte M�he und die Druckkosten zu entsch�digen. "Die Wiedergabe dieses Vorfalles bei Tische war die scherzhafteste Unterhaltung, deren ich mich erinnere," sagt Jachmann.
Dagegen war er keineswegs ein so eingefleischter Hagestolz, dass es ihm an Sinn f�r weibliche Anmut und Sch�nheit gefehlt h�tte. "An Mi� A., welche sich einige Zeit im Hause seines Freundes Motherby aufhielt und f�r dessen �ltesten Sohn zur Braut bestimmt war, fand Kant noch nach seinem 70. Jahre ein so besonderes Wohlgefallen, dass er sie bei Tische stets auf der Seite seines gesunden Auges neben ihm Platz zu nehmen bat" (Jachmann, S. 96). Einer Tochter desselben Hauses Fr�ulein Elisabeth Motherby, sandte er am 11. Februar 1793 die Briefe Marias von Herbert (Buch III, Kap. 9). Besonders gern unterhielt er sich auch mit der jungen Freundin einer Tochter Wasianskis und fragte nach ihr, wenn sie nicht da war. Als er einst in seinen letzten Jahren aus Schw�che auf der Stra�e hingefallen war und zwei unbekannte Damen � es waren ein Fr�ulein von Oelsnitz und ein Fr�ulein von Lietzen � ihm aufgeholfen hatten, "pr�sentierte" er, wie Wasianski sich ausdr�ckt, "noch den Grands�tzen seiner Artigkeit treu, der einen die Rose, die er eben in der Hand hatte, die sie mit �beraus gro�er Freude annahm und zum Andenken aufbewahrt". � �brigens war er, wie bei dieser Gelegenheit erw�hnt sein mag, auch ein Kinderfreund. So pflegte er im Hause Motherbys dessen Enkel wie ein guter Gro�vater durch allerlei kindliche Reden und Scherze zu erheitern, oder erfreute die kleinen Kinder des �lteren Jachmann, die ihn besuchen mu�ten, mit allerhand kleinen Geschenken.
Weit weniger machte er sich aus den mit seiner zunehmenden Ber�hmtheit sich h�ufenden Besuchen unbedeutender, wenn auch vornehmer, durchreisender Fremder, die eben nur den ber�hmten Mann gesehen und gesprochen haben wollten. �brigens sah er auch in diesem Punkte auf die Erf�llung gewisser Formen. Als ihm Graf Stolberg, aus �rger �ber Kants kurz vorher erschienene Abhandlung �ber den 'Vornehmen Ton' (S. 271 f.), auf seiner Durchreise nach Petersburg keinen Besuch gemacht hatte, folgte der Philosoph auch nicht der Einladung in die Gesellschaft, die sein Verleger Nicolovius, um den vornehmen Reisenden zu "fetieren", gab. Anders, wenn der Besuch wirklich etwas f�r ihn bedeutete. So erfreute noch den 78j�hrigen der des Gesandten der franz�sischen Republik Otto, der �ber K�nigsberg nach Schweden reiste, desgleichen aber auch der Besuch manches wirklich wi�begierigen Mannes, der mitunter seinetwegen allein nach der Pregelstadt gekommen war, und der dann allein oder mit anderen an seine Tafel geladen wurde.
Da f�r ihn das Mittagsmahl haupts�chlich doch nur Mittel zum Zweck der geistigen Unterhaltung war, so dehnte er es gern bis in die vierte Nachmittagsstunde, zuweilen auch noch l�nger aus. Er selbst hatte die gr��te Freude, wenn seine G�ste, um mit Wasianski zu reden, "froh und heiter, an Geist und Leib ges�ttigt, nach einem sokratischen Mahle seinen Tisch verlie�en". Die geistreichen Gedankenblitze, die neuen Ideen, die mannigfachen Kenntnisse, mit denen sich jeder an Kants Tisch bereichern konnte, wirkten auf einzelne Teilnehmer derart, dass sie dieselben m�glichst bald aufzeichneten. Einzelne solcher Aufzeichnungen sind uns gl�cklicherweise erhalten geblieben. Es w�re eine verdienstliche Aufgabe f�r Kantfreunde, sie zu sammeln und wie man es mit Luthers Tischreden oder Goethes Gespr�chen getan hat, einem gr��eren Publikum zug�nglich zu machen. Wir glauben das Kapitel nicht besser beschlie�en zu k�nnen, als wenn wir einige besonders lebendige Schilderungen hier im Zusammenhange zum Abdruck bringen und dadurch dem Leser die M�glichkeit geben, sich selber ein anschauliches Bild zu machen. Die beiden ersten stammen von j�ngeren M�nnern aus den Jahren 1794 und 1795, die letzte, wertvollste und ausf�hrlichste von einem besonders klaren und objektiven Beobachter, dem schon mehrfach erw�hnten badischen Theologen Abegg, aus 1798.