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2. Naturgeschichte und Theorie des Himmels
- Wirkungsgeschichte


Soweit Kant. Es mag nach neueren Forschungen von Menzer und besonders Gerland dahingestellt bleiben, wieviel er seinen Vorg�ngern Wright, Buffon, Swedenborg u. a. verdankt, und ob er seinen Zeitgenossen in der Tat so viel Neues geboten, als man bisher meist angenommen hat. Ebenso sind manche seiner Aufstellungen nat�rlich von der heutigen astronomischen Forschung �berholt. Das gilt nicht blo� von den Nebenuntersuchungen, f�r die der Philosoph selbst "mindere" Beweiskraft in Anspruch genommen hat, sondern auch von Einzelheiten seiner gro�en Nebular-Hypothese, die von einzelnen Modernen sogar als �berhaupt veraltet betrachtet wird. Uns liegt allein an der Beantwortung der beiden Fragen: Was bedeutet die Schrift im geistigen Entwicklungsgang unseres Philosophen? und: worin besteht ihre heute noch fortdauernde Fruchtbarkeit?

Ohne Zweifel beruht ihr Wert weniger auf streng-astronomischem Gebiet, wenn auch manches, wie z. B. die Berechnung der Rotationsdauer des Saturnringes, durch die genauen Berechnungen Herschels sp�ter in sch�nster Weise best�tigt worden ist. Allein, ganz abgesehen davon, dass Kant die modernen Beobachtungsinstrumente fehlten, beweist schon das Fehlen jeder mathematischen Begr�ndung, dass er damit gar keine exakte Wissenschaft zu geben beabsichtigte. Seine "Theorie des Himmels" wollte popul�r sein. Daher auch ihr Stil, der eher an die von ihm selbst sp�ter so scharf kritisierte Art Herders erinnert: die Vermischung mit Gef�hlsm��igem und Poetischem. So liefern ihm denn auch seine Lieblingspoeten, Pope, der "philosophische Dichter", und Albrecht von Haller, der "erhabenste unter den deutschen Dichtern", die Motti zu den einzelnen Teilen seines Buches oder werden sonst beif�llig zitiert. Um die dichterische Kraft der Phantasie zu erkennen, die in dem jungen Kant lebte, lese man etwa das Gem�lde des Anblicks einer brennenden Sonne (a. a. O., S. 141). Dann begreift man, wie Herder noch 17 Jahre sp�ter in einem Briefe an Lavater Kants Werk sein "erstes recht J�nglingsbuch voll Ihrer Ideen" nennt. Derselbe Kant, der sp�ter nicht nur in der �u�erung pers�nlicher Empfindungen, sondern auch im schriftstellerischen Ausdruck des Gef�hls immer zur�ckhaltender wird, l��t hier noch seiner jugendlichen Phantasie freien Raum. Wenn er dabei an einzelnen Stellen weiter geht, als es uns heute f�r einen philosophischen Autor erlaubt scheint, so m�ssen wir bedenken, dass das in der Zeit lag; kamen doch in den "Kosmologischen Briefen" des ber�hmten Mathematikers Lambert (1761) noch phantastischere Spekulationen vor, wonach u. a. die vollkommensten Gesch�pfe auf den � Kometen wohnen sollten!

Das alles tut der Tatsache keinen Eintrag, dass der junge Kant hier zwei Dinge vollbracht hat, deren Ruhm ihm auch der strengste Kritiker nicht schm�lern kann. Er hat erstens eine geniale Hypothese der Weltentstehung geliefert, die sich an Gro�artigkeit und Fruchtbarkeit, Entdeckungen wie der Deszendenztheorie oder der Verwandlung der Energie k�hn an die Seite stellen kann; und er sucht zweitens � darauf beruht der spezifisch philosophische, genauer methodologische Wert seines Versuches �, gerade im Gegensatz zu Herder, eine klare Scheidung von Religion und Naturwissenschaft durchzuf�hren, indem er bei aller Betonung der religi�sen Empfindung, die er mit den meisten freieren Geistern seiner Zeit teilt, auf dem Gebiete der Wissenschaft allein das mechanische Erkl�rungsprinzip gelten l��t.

Kants gro�es Werk ist einem eigent�mlichen �u�eren Schicksal zum Opfer gefallen. Er hatte das zun�chst anonym ver�ffentlichte Buch, mit einer der Zeit gem�� sehr devoten Widmung K�nig Friedrich II. dediziert: nach Borowski, der ihm in jener Periode pers�nlich nahestand und deshalb Bescheid wissen mu�, "auf den Rat seiner Freunde" und lediglich in der Absicht, dass "unter Autorit�t des K�nigs in Berlin und anderen Orten n�here Untersuchungen �ber sein System veranla�t w�rden". Dieser Zweck ward nun durch einen ungl�cklichen Zufall vereitelt. Das Erscheinen des Werkes war zwar im Katalog der Leipziger Ostermesse (M�rz 1755) angek�ndigt, indes � w�hrend des Druckes wurde der Verleger bankerott und sein ganzes Verm�gen gerichtlich versiegelt. Es erschien nun allerdings bereits 1755 eine kurze Empfehlung des Buches an "wohlwollende Leser" in den n�mlichen 'Hamburger Freien Urteilen', die auch von der Erstlingsschrift eine Anzeige gebracht; auch wurde es 1756, jetzt mit dem Namen des Verfassers, in K�nigsberg zum Verkauf angeboten. Aber in weiteren Kreisen wurde es nicht bekannt. Nicht einmal Fachm�nnern wie Lambert, der in seinen 1761 erschienenen "Kosmologischen Briefen" �hnliche Ansichten �ber den Zusammenhang des Fixsternsystems ver�ffentlichte, war es vor Augen gekommen. Gerade durch Lamberts Schrift f�hlte sich Kant �brigens veranla�t, den Kern seiner Theorie 1763 in seiner Schrift: "Der einzig m�gliche Beweisgrund zu einer Demonstration des Daseins Gottes" (II, 7 unter dem Titel: Kosmogonie) von neuem ziemlich ausf�hrlich wiederzugeben, bezeichnenderweise unter Weglassung "verschiedener etwas gewagter Hypothesen"; wie er denn auch nach Lamberts Tode in allzu gro�er Bescheidenheit dessen "meisterhafter" Arbeit gegen�ber die seinige f�r einen "schwachen Schattenri�" erkl�rte, f�r "blo�e Mutma�ungen", die wohl stets Mutma�ungen bleiben w�rden (an Biester 8. Juni 1781). Und wiederum 27 Jahre sp�ter (1790), nachdem inzwischen (1785) der ber�hmte Herschel, ebenfalls ohne Kants Vorg�ngerschaft zu kennen, dessen Anschauung sehr nahekommende Ansichten �ber die Fixsterne, die Milchstra�e und den Saturn kundgegeben hatte, beauftragte der Philosoph seinen fr�heren Sch�ler und nunmehrigen Kollegen Magister Gensichen mit der Herstellung eines Auszuges aus dem Werk von 1755, den er selbst durchsah, und der 1791 als Anhang einer deutschen �bersetzung von Herschels 'Bau des Himmels' beigegeben wurde. Auch hier hat er auf alles Beiwerk, insbesondere auch auf die phantasievollen Ausf�hrungen des siebenten Abschnitts und des ganzen Schlu�teils, verzichtet; "das �brige enthalte", wie er Gensichen ausdr�cklich erkl�rte, "zu sehr blo�e Hypothesen, als dass er es jetzt noch ganz billigen k�nnte".

Auch Laplace, der bekanntlich 1796 fast dieselbe Theorie �ber die Entstehung des Planetensystems entwickelte, wie Kant" nur weit trockener und nicht entfernt mit derselben Gedankenf�lle, hat seinen gro�en Vorg�nger nicht gekannt. Erst im 19. Jahrhundert haben Arago (1842), Alexander von Humboldt (1845) und Schopenhauer (1850) auf die Theorie Kants hingewiesen, bis sie dann durch Z�llner, Helmholtz u. a. zu allgemeinerer Kenntnis kam. Heute ist sie, nach dem neuerlichen Urteil eines Fachmannes,*) "Gemeingut der Wissenschaft, das in einzelnen Teilen vervollst�ndigt und verbessert wird, aber als Ganzes nicht seinesgleichen gefunden hat".

 

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*) Weinstein, Entstehung der Welt und der Erde nach Sage und Wissenschaft. 2. Aufl. Lpz., Teubner, 1913.


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