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Kant �ber Genie und Phantasie �berhaupt


Wir sehen: Kant ist keineswegs taub gewesen gegen die Macht der Phantasie, die er vielmehr einmal "unseren guten Genius oder D�mon", die Quelle aller unserer entz�ckendsten Freuden, ingleichen unserer Leiden nennt (XV, 144). Aber freilich, er verlangt ihre "Disziplin". Und ebensowenig unempfindlich blieb er gegen die Allgewalt des Genies. Welche Stelle er ihm in seinem kritischen Lehrgeb�ude einr�umte, werden wir noch sehen. Besonders viel dar�ber in seinen einsamen Stunden nachgedacht und in den f�r den Gebrauch in seinen Vorlesungen bestimmten Reflexionen vieles niedergeschrieben hat er gerade in den 70er Jahren, veranla�t durch die damals neu auftauchenden "Originalgenies"*). Begreiflich genug, dass gegen�ber den mannigfachen Ausschreitungen der kraftgenialen Bewegung die kritische und tadelnde Seite st�rker zu Worte kommt als die anerkennende oder gar bewundernde. Wir greifen aus dem reichen Material, das uns jetzt durch Adickes' philologisch-exakte Ver�ffentlichung in gr��erem Zusammenhange zug�nglich gemacht ist, die bezeichnendsten Stellen heraus, bezeichnend f�r Kants Pers�nlichkeit, wie sachlich bedeutsam auch noch gegen�ber literarischen Erscheinungen unserer Zeit.

Auf Geister wie Hamann und Herder ist es augenscheinlich gem�nzt, wenn er um die Zeit ca. 1773�75 schreibt: "Wer allenthalben Anschauungen an Stelle der ordentlichen Reflexionen des Verstandes und Vernunft setzt, schw�rmt. Es ist notwendig, dass er seine Gef�hle, Gem�tsbewegungen, Bilder, halbgetr�umte, halbgedachte Begriffe, welche in seinem bewegten Gem�te spielen, vor die Sachen selbst nimmt, die einer besonderen Kraft in ihm so erscheinen." Daraus folgt: "Je weniger er sich verst�ndlich machen kann, desto mehr schm�lt er auf die Unzul�nglichkeit der Sprache und der Vernunft und ist ein Feind aller Deutlichkeit, weil er nicht durch Begriffe, auch nicht durch Bilder, sondern durch Gem�tsbewegung unterhalten wird." Gewi� k�nnen alle diese "gef�hlvollen" Autoren "Genie haben, voll Empfindung und Geist, auch einigen Geschmack", aber "ohne die Trockenheit und M�hsamkeit und Kaltbl�tigkeit der Urteilskraft". Anstatt mit dem Verst�nde eine Seite der Sache nach der anderen sich deutlich zu machen, wollen sie "alle Seiten zusammenschauen". Daher ist ihnen auch "alles Mystische willkommen, sie sehen in schw�rmenden Schriften oder �berhaupt im Alten" � man denke an Herders '�lteste Urkunde' � "unerh�rte Sachen". Das Neue dagegen [die Tendenz der Aufkl�rung und der strengen Wissenschaft (K. V)] "ist ihnen darum eben, weil es p�nktlich ist und ihrem l�rmenden Geiste Fesseln anlegt, kurzsichtig und schaal" (a. a. O. XV, S. 337 f.).

Fast noch sch�rfer klingt folgende, derselben Zeit entstammende, Niederschrift: "Es ist vergeblich, denen, die nur durch Begriffe schw�rmen, einen �berlegenden und bestimmten Vortrag anpreisen zu wollen. So wie sie diesen annehmen wollten, w�rden sie ganz leer sein. Sie m�ssen sich und andere bet�uben, um zu scheinen, sie w�ren in der F�lle der Einsicht, welche seichte K�pfe nur debroullieren d�rften. Sie m�ssen ihr Genie durch Verweilung nicht erstarren und kalt werden lassen. Einf�lle sind Eingebungen des Genies. Man mu� davor warnen, aber sich mit Widerlegungen derselben, deren sie gar nicht f�hig sein, gar nicht einlassen. Wenn sie sich zu den kalten Forschern herablie�en, so w�rden sie nur eine sehr gemeine Rolle spielen. Nun k�nnen sie als Meteore gl�nzen" (S. 339).

Um 1776�1778 schreibt Kant, zu Anfang wohl an Hamanns Auffassung des sokratischen Daimonion ankn�pfend: "Genie ist nicht etwa ein D�mon, der Eingebungen und Offenbarungen erteilt. Man mu� sonst manches gelernt oder f�rmlich und methodisch studiert haben, wenn Genie einen Stoff haben soll. Genie ist auch nicht eine besondere Art und Quelle der Einsicht; sie mu� jederman k�nnen mitgeteilt und verst�ndlich gemacht werden. Nur dass Genie darauf kommt, wozu Talent und Flei� nicht bringen w�rde; wenn aber die vorgegebenen Erleuchtungen das Dunkle lieben [Kant: amant obscurum] und sich gar nicht beim Licht wollen besehen und pr�fen lassen, wenn sie auf keine fa�liche Idee auslaufen: so schw�rmt die Einbildung und, weil das Produkt Nichts ist, so war es auch gar nicht aus dem Genie entsprungen, sondern Blendwerk (S. 393). Denn "die Vernunft ist nicht dazu gemacht, dass sie sich isoliere, sondern in Gemeinschaft setze. Sie hindert auch alle egoistischen Grunds�tze ... aus blo�en Empfindungen". Aber freilich, diese "Adeptensprache" w�rde auch ihren Wert verlieren, wenn sie � gemein w�rde; ist doch ihre ganze Absicht darauf gerichtet, "sich zu unterscheiden"! Und zwar "besteht das Kunstst�ck darin: Brocken aus Wissenschaft und Belesenheit mit dem Ansehen eines Originalgeistes, Kritik �ber andere und ein tiefverborgener Religionssinn, um dem Gew�sche Ansehen zu geben" (S. 392, Nr. 897 und 896); denn "alle solche Schw�rmer sprechen Religion" (ebd. Nr. 897). Alles Dinge, die mutatis mutandis auch noch auf unsere Zeit passen!

Das Sch�nste dabei ist, dass die, welche in "Gef�hl und effektvoller Schreibart" "am meisten schimmern", selber "am leersten" daran sind, �hnlich "Akteurs", die tragische Rollen gut zu spielen wissen. Das wirkliche Gef�hl, so �u�ert sich der im Aussprechen der eigenen Empfindung als echter Norddeutscher keusche Kant, "ist bescheiden und respektiert die Regel und Behutsamkeit, scheuet sich vor das �u�erste und ist sittsam" (S. 347f.). Aber jene "Meister in Empfindungen" sind selbst ohne ernstliche Empfindung; sie ist bei ihnen nur ein "Spiel der Einbildung" (S. 343). Und diesen "Mystikern des Geschmacks und Sentiments" (S. 343) geht es mit ihren Affektbewegungen wie den "Indianern" [Hindus?], "die sich durchkneten lassen und alsdann eine angenehme Mattigkeit f�hlen" (S. 348). So schreiben die neuen Autoren entweder kopfbrechend, indem sie alles zusammendr�ngen und durchaus Neues sagen wollen, um recht gedankenvoll und ein "Original" zu scheinen; oder herzbrechend, indem sie immer nur von zartem Gef�hl und starker Empfindung reden; oder halsbrechend, indem sie "auf ihrem Genie wie auf einem kollernden Pferde reiten" oder, in einem anderen Bilde, "Vernunft und Erfahrung als Steuerruder der Erkenntnis wegwerfen und sich auf den Ozean der �ber die Welt hinausgehenden Erkenntnisse wagen" (S. 399). W�hrend die Philosophie in der Sch�tzung des eigenen Ich wie in der Sch�tzung anderer dem�tig macht, sieht das "inspirierte" Genie "alles unter sich, weil es sich �ber die Region der k�rperlichen Luft, in der die gemeinen Pflanzen der gesunden Vernunft aufwachsen, erhoben hat". Es geht ihm, um mit Kant ein letztes, derbes, aber vorz�gliches Bild zu gebrauchen, wie einer gackernden Henne oder einer tr�chtigen Hausfrau. Geschw�ngert von der "plastischen Natur", geb�rdet es sich gebieterisch, hochm�tig und trotzig, weil es "unter beschwerlichen Wehen der Einbildungskraft, unter gro�er Gefahr der gesunden Vernunft uns ein G�tterkind geb�rt, was lieblich anzuschauen, aber, weil es �therischen Ursprungs ist, sich augenblicklich in �ther aufl�st, nachdem man ihm die H�lle der mystischen Sprache" � "Bilder statt Sachen", die ein anderer erst auslegen mu� (XV, 417) � "abgezogen hat" (ebd. 415 f.).

 

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*) Zu der in der Mitte der 70 er Jahre sich h�ufenden Literatur �ber den bis dahin noch fast unbekannten Begriff des Genies gab wohl auch der Umstand Anla�, dass die Berliner Akademie d. W. f�r 1775 als Preisfrage das Thema stellte: "Was Genie sei, aus welchen Bestandteilen es bestehe, und sich darin nat�rlich wieder zerlegen lasse." Den Preis gewann der Rationalist Eberhard.


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