
Lessing
Zu diesem ihm in Denkart und Charakter verwandtesten Vertreter der Aufkl�rung, zu Gotthold Ephraim Lessing, hat Kant keine pers�nlichen Beziehungen gehabt. Aber seine wichtigsten Schriften hat er sicher gekannt. Von seinen Dramen mu� er einzelne, besonders von den Jugenddramen, sogar auf der B�hne gesehen haben) merkw�rdigerweise ohne besonderes Wohlgefallen. Wohl werde man w�hrend der Vorstellung durch den "Witz" � wir w�rden heute sagen: Geist � des Verfassers sehr gut unterhalten, aber am Schl�sse derselben habe man das Gef�hl, dass das Ganze ohne rechten Zweck sei. Als Beispiel wird einmal in einem Anthropologie-Kolleg Theophan, der Held des 'Freigeist', angef�hrt (Ak. Ausg. XV, S. 196 f. Anm.)*). Ein andermal wird dies abf�llige Urteil sogar auf den 'Nathan' ausgedehnt, dessen Zweck doch klar genug ist und Kant, wie man denken sollte, seiner Gesinnung nach h�tte sympathisch sein m�ssen. Statt dessen h�ren wir zu unserem Erstaunen aus Hamanns Munde, dass das Drama diesem besser gefiel als Kant! W�hrend der Magus sich an der Lekt�re des 'Nathan' "recht weidete", gefiel das St�ck (beim Lesen) dem Philosophen weit weniger, der es blo� als eine Art zweiten Teil der Juden' � bekanntlich ein Jugendst�ck Lessings � beurteile "und keinen Held aus diesem Volke leiden kann. So g�ttlich streng ist unsere Philosophie in ihren Vorurteilen, bei aller ihrer Toleranz und Unparte�ichkeit" (H. an Herder, 6. Mai 1779).
Auch Lessings Prosaschriften waren Kant nicht fremd. Wenn er Lessing einen "gro�en Kenner der theatralischen Regeln" nennt und anderseits meint, von den "blo� konventionellen" Regeln des franz�sischen Theaters k�nne man am ehesten abweichen (vgl. weiter unten �ber Shakespeare), so hat er sicher an die Hamburger Dramaturgie gedacht. Und wenn auch er fordert: "Die Dichter m�ssen sich gar nicht damit abgeben, Dinge der Natur zu malen," wenn er sich demgem�� gegen die beschreibende Poesie eines Brockes und seines sonst so gesch�tzten Haller wendet, so entspricht das einer Hauptthese des Laokoon. Auch ein Satz in den Reflexionen: "Urteil des Liebhabers, Kenners (dieser mu� die Regeln kennen), Meisters" (XV, S. 269) klingt an Lessing an. Freilich, allzuviel hielt der so oft als trocken gescholtene Kant �berhaupt von �sthetischen Regeln nicht. "Wenn mir jemand sein Gedicht vorliest oder mich in ein Schauspiel f�hrt, welches am Ende meinem Geschmack nicht behagen will, so mag er den Batteux oder Lessing oder noch �ltere und ber�hmtere Kritiker des Geschmacks ... zum Beweise anf�hren ..., ich stopfe mir die Ohren zu," weil in diesen Dingen eben der eigene Geschmack, nicht Verstandesgr�nde, entscheiden (Kr. d. Urt., � 33).
Dass er endlich auch mit den theologischen Schriften des gro�en Aufkl�rers vertraut gewesen sein mu�, hat Emil Arnoldt1) in eingehenden Darlegungen gezeigt, die namentlich auf die zahlreichen �bereinstimmungen der "Religion innerhalb" mit Lessing-schen Gedanken hinweisen. Die "Erziehung des Menschengeschlechts" erw�hnt Kant selbst in seiner Abhandlung �ber Theorie und Praxis (1793).
Wie hoch er �berhaupt seinen ber�hmten Zeitgenossen sch�tzte, beweist eine Stelle in seinem Briefe an M. Herz vom 24. November 1776. Dieser hatte in seinem 'Versuch �ber den Geschmack' gesagt: "Viel und zugleich Vieles zu umfassen, ist eine Eigenschaft der Lessinge und Kante: eine Eigenschaft seltener Jahrhunderterscheinungen." Darauf erwidert der Philosoph bescheiden: "Der mir in Parallele mit Lessing erteilte Lobspruch beunruhigt mich. Denn in der Tat, ich besitze noch kein Verdienst, was desselben w�rdig w�re, und es ist, als ob ich den Sp�tter zur Seite s�he, mir solche Anspr�che beizumessen und daraus Gelegenheit zum boshaften Tadel zu ziehen."**) Ob er dabei an Lessings sp�ttisches Epigramm auf seine Erstlingsschrift (S. 61) gedacht hat? "Noch" hatte allerdings sein Ruhm damals den Lessings nicht erreicht, aber bald sollte er ihn �berstrahlen.
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*) Vielleicht hat er auch "Mi� Sarah Sampson" gesehen, die in dem neuerrichteten K�nigsberger Theater (1755) durch den ber�hmten Ackermann ihre Erstauff�hrung erlebte.
**) E. Arnoldt, Kritische Exkurse zur Kantforschung (K�nigsberg 1894), S. 193�268.