
Kant und die Frauen
Die Frauen haben keine bestimmende oder auch nur bedeutende Rolle im Leben unseres Denkers gespielt, geschweige denn, dass sie sein Schaffen befruchtet h�tten, wie es bei anderen gro�en Menschen seines Zeitalters: bei Goethe, Schiller, Herder, und von Philosophen bis zu einem gewissen Grade doch auch bei Fichte und Schelling der Fall war. Er ist Junggeselle geblieben wie Plato und Leibniz, Descartes und Hobbes, Locke und Hume. Aber er ist anderseits doch kein galliger Feind des weiblichen Geschlechtes gewesen, wie Schopenhauer, oder vollkommen gleichg�ltig dagegen, wie Winckelmann. Er besch�ftigt sich in seinen popul�ren Schriften, besonders den anthropologischen Vorlesungen und den Entw�rfen dazu, sogar recht h�ufig mit "dem Frauenzimmer". Welche Erlebnisse bestimmten ihn dazu?
Das sch�ne Verh�ltnis zwischen ihm und seiner Mutter, die er nie verga�, haben wir schon kennengelernt. Zu den Schwestern bestanden keine n�heren Beziehungen. Sie wurden � wie es noch heute �fters in �rmeren Familien zu gehen pflegt �, damit die Br�der studieren konnten, hintangesetzt, mu�ten sich als Dienstm�dchen verdingen und haben sp�ter Handwerker geheiratet. Dass er w�hrend seiner Studienzeit Liebesaff�ren nachgegangen, ist bei seinem Temperament, seinen Neigungen und seiner finanziellen D�rftigkeit wohl v�llig ausgeschlossen. Einen gewissen Ton uns heute etwas altfr�nkisch anmutender Galanterie allerdings hat er sich wohl schon auf der Universit�t angew�hnt, von der er noch sp�ter r�hmte, dass sie dem jungen Manne "Schliff" verleihe. So schreibt er, gelegentlich einer leichten Polemik gegen die gelehrte Marquise von Chastelet in seiner Erstlingsschrift: "Die Anmerkung, die ich hier mache, w�rde gegen eine jede andere Person ihres Geschlechtes das Ansehen eines ungesitteten Betragens und einer gewissen Auff�hrung, die man pedantisch nennt, an sich haben; allein der Vorzug des Verstandes und der Wissenschaft an derjenigen Person, von der ich rede, der sie �ber alle �brige ihres Geschlechtes und auch �ber einen gro�en Teil des andern hinweg setzet, beraubet sie zugleich desjenigen, was das eigentliche Vorrecht des sch�nen Teiles der Menschen ist, n�mlich der Schmeichelei und der Lobspr�che, die dieselbe zum Grunde haben" (a. a. O., � 113a, II). Aus seinen Hauslehrerjahren in Judtschen und Gr. Amsdorf wissen wir nichts. Anders w�re es, wenn die Nachrichten �ber seine dritte Hauslehrerstelle bei der Gr�fin Keyserling zu Rautenburg eine festere Grundlage h�tten. Denn es existiert in der Tat eine von der Gr�fin hergestellte, ansprechende Kreidezeichnung unseres Philosophen, die ihn so jugendlich wie sonst kein B�d, d. h. etwa drei�igj�hrig, darstellt,*) w�hrend sie selbst damals (um 1753/54) 24�25 Jahre z�hlte. Und sie, die mit 25 Jahren ein philosophisches Werk Gottscheds ins Franz�sische �bersetzte, k�nnte zu diesen Studien durch ihren philosophischen Hauslehrer angeregt worden sein. Doch das beruht alles auf blo�en Vermutungen. Ebenso lassen sich aus dem Verschen, das er am 16. Juli 1757 einem unbekannten Freunde ins Stammbuch schrieb:
Gro�en Herren und sch�nen Frauen
Soll man wohl dienen, doch wenig trauen
keine anderen Schl�sse ziehen, als dass er jedenfalls kein abgesagter Feind des weiblichen Geschlechts gewesen ist.
Etwas festeren Boden betreten wir erst mit den 60er Jahren. Zwar aus seinem bekannten, mehr als f�nf Druckseiten z�hlenden Briefe vom 10. August 1763 an eine der "gn�digen Dames aus dem von mir �u�erst verehrten Schulkeimschen Hause", denen er durch Borowski das Trostschreiben an Frau von Funk (s. 88 f.) hatte zugehen lassen, und der er nun auf ihren Wunsch einen ausf�hrlichen Bericht �ber die angeblichen Geistererscheinungen Swedenborgs �bersandte, das 23 j�hrige Fr�ulein Charlotte von Knobloch, l��t sich auch nur auf seine liebensw�rdige Galanterie gegen Damen �berhaupt schlie�en: wenn er von "der Ehre und dem Vergn�gen" spricht, "dem Befehl einer Dame" nachzukommen, "die die Zierde ihres Geschlechts ist", durch die Abstattung eines Berichts, der freilich "von ganz anderer Art" sei, "als diejenigen gew�hnlich sein m�ssen, denen es erlaubt sein soll, mit allen Grazien umgeben, in das Zimmer der Sch�nen einzudringen". H�chstens noch darauf, dass er dem Bildungsstreben junger Damen gern entgegen kam, wie er denn der n�mlichen �ltesten Tochter des Generals von Knobloch auch Wielands "Erinnerungen an eine Freundin" zuschickte, wof�r sie sich ihm noch nach Jahren dankbar erwies. Denn nachdem sie bereits seit acht Jahren die Gattin eines Hauptmanns von Klingspor und Mutter von vier Kindern geworden war, dankt sie in einem zwar f�rchterlich unorthographischen, aber von naturw�chsigem Gef�hl zeugenden Briefe (1772), in dem sie den "hochedelgeborenen, hochgelehrten Herrn Professor und werten Freund" um Besorgung eines Hofmeisters bittet, f�r seine "G�tige Absicht, ein Junges Frauenzimmer durch angenehmen Unterhalt zu Bilden"; obwohl "bei denen m�resten Menschen eine Lange Abwesenheit die Freundschaft erkalten L�st", sei sie "von der angenehmen gewi�heit geschmeychelt, das Sie mein Freund sind: so wie Sie es ehe mahls waren" (Ak. Ausg. X, S. 122 f.).
Das beste Bild von Kants damaligen � und im wesentlichen sich gleich gebliebenen � Anschauungen �ber das weibliche Geschlecht gibt uns der dritte Abschnitt der 'Beobachtungen �ber das Gef�hl des Sch�nen und Erhabenen' (1764). Der 40 j�hrige Verfasser hebt hier die Unterschiede zwischen den beiden Geschlechtern sehr stark hervor, zum Teil allerdings infolge seines Themas, das den Gegensatz zwischen dem Erhabenen und Sch�nen in diesem Abschnitt auch auf die Charakteristik der Geschlechter anwendet. Das "Frauenzimmer" hat ein angeborenes st�rkeres Gef�hl f�r das Sch�ne und Zierliche, Hebt Scherz und Heiterkeit, Sittsamkeit und feinen Anstand, zieht das Sch�ne dem N�tzlichen vor, hat einen "sch�nen" (wie wir einen "tiefen") Verstand. Er macht sich etwas lustig �ber gelehrte Frauen, sei es, dass sie sich den Kopf mit Griechisch oder mit Mathematik und Mechanik oder mit Schlachten und Festungen oder mit abstrakten Spekulationen anf�llen. Ihre Wissenschaft ist vielmehr "der Mensch, und unter den Menschen der Mann"; ihre Weltweisheit "nicht Vern�nfteln, sondern Empfinden". Dem entsprechen auch seine, gewi� nicht ohne Einflu� von Rousseaus Emile zustande gekommenen, Ideen �ber M�dchenunterricht: Erweiterung des moralischen Gef�hls sei f�r sie wichtiger als die des Ged�chtnisses; das wird dann an Beispielen aus dem geschichtlichen, geographischen und Kunstunterricht erl�utert. �brigens h�lt unser Philosoph das weibliche Geschlecht im ganzen so hoch, dass er ihm sogar vorzugsweise diejenige Art von Sittlichkeit zuspricht, die sp�ter Schiller unter dem Begriff der Anmut oder sittlichen Sch�nheit im Gegensatz zur W�rde verstanden hat. "Sie werden das B�se vermeiden, nicht weil es unrecht, sondern weil es h��lich ist, und tugendhafte Handlungen bedeuten bei ihnen solche, die sittlich sch�n sind. Nichts von Sollen, nichts von M�ssen, nichts von Schuldigkeit." Und sein Schlu�urteil fa�t er dahin zusammen: der Mann soll durch seine Neigung noch mehr veredelt, die Frau durch die ihre noch mehr versch�nt werden.
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*) Ver�ffentlicht mit einem ausf�hrlichen Begleitartikel von Emil Fromm, Kantstudien II, S. 145�160.