
Drei Briefe: an Lambert, Mendelssohn und Herder
(Ende 1765 bis Sommer 1767)
Brief an Lambert
Zu den M�nnern, von denen er einen neuen Aufschwung der Philosophie in seinem Sinne erwartete, z�hlte Kant in erster Linie den ber�hmten Mathematiker und Philosophen Johann Heinrich Lambert, der, vier Jahre j�nger als er, in Berlin als Mitglied der Akademie der Wissenschaften, im �brigen als freier Gelehrter, lebte. Seiner 1761 erschienenen 'Kosmologischen Briefe', die, ohne dass beide voneinander wu�ten, nicht nur das gleiche Thema wie Kants 'Naturgeschichte des Himmels' behandelten, sondern auch zu einem �hnlichen Ergebnis kamen, haben wir schon gedacht. Nun hatte er 1764 auch sein philosophisches Hauptwerk, unter dem Titel 'Neues Organon' ver�ffentlicht, in dem er, �hnlich wie Kant, der Philosophie eine feste wissenschaftliche Grundlage zu geben suchte. Er unterschied darin von dem durch die Wahrnehmung gegebenen Inhalt oder Stoff des Denkens dessen Form, die in den logischen und mathematischen Gesetzen zu finden sei: es war der Weg, auf den bald auch Kant gelangen sollte. So war es nur nat�rlich, dass beide sich einander n�herten. Lambert, der J�ngere, suchte zuerst den Weg zu dem ihm, mindestens seit dem Erscheinen des 'Einzig m�glichen Beweisgrundes' (1763), bekannten Denker. Er gab, wie es, um das teuere Porto zu ersparen, im 18. Jahrhundert h�ufig geschah, einem im November 1765 nach K�nigsberg zur�ckreisenden Kollegen Kants einen Brief mit, in dem er ohne weitere Umschweife, "was durch die �hnlichkeit unserer Gedankensart vollkommen entschuldigt wird", gleich auf die Sache selbst los ging. Da sie beide ja bisher fast auf einerlei Untersuchungen, ohne es zu wissen, verfallen seien, schl�gt er ihm vor, k�nftig sich durch einen wissenschaftlichen Briefwechsel im voraus zu verst�ndigen. "Wie leicht wird man in den Folgen einig, wenn man in den Gr�nden eins ist." Kant bekannte sich in seiner Antwort vom 31. Dezember 1765 durch den "Antrag" des "ersten Genies in Deutschland" sehr geehrt und �ber die "gl�ckliche �bereinstimmung unserer Methoden" sehr erfreut. Er f�hlte sich mit Lambert einig in dem Ekel an dem "ewigen Get�ndel der Witzlinge" und der "erm�denden Schwatzhaftigkeit der itzigen Skribenten", einig auch in der �berzeugung von der Notwendigkeit einer strengen philosophischen Methode. Nach "mancherlei Umkippungen", d. h. nachdem er sich w�hrend der letzten Jahre in die verschiedensten Standpunkte hineingedacht, um sie als irrig oder berechtigt zu erkennen, glaube er jetzt einer solchen Methode sicher zu sein. Immerhin m�sse er die Ausarbeitung seines Hauptwerkes "noch ein wenig" aussetzen. Der �ble Zustand der Zeitphilosophie entmutige ihn nicht: "ehe wahre Weltweisheit aufleben soll, ist es n�tig, dass die alte sich selbst zerst�re". Er hege im Gegenteil die beste Hoffnung, dass eben infolge dieser Krisis die "l�ngst gew�nschte gro�e Revolution der Wissenschaften" nicht mehr ferne sei.
In seiner sehr ausf�hrlichen Erwiderung vom 3. Februar des folgenden Jahres schildert dann Lambert seine Methode, unter Er�rterung einer gro�en Reihe von philosophischen Einzelfragen. Von Kant ist eine Antwort erst wieder vom 2. September 1770 erhalten, in der er sein langes Schweigen mit einer von ihm nicht vorausgesehenen Entwicklung seiner philosophischen Untersuchungen entschuldigt. Dagegen ist uns aus dem. schon erw�hnten, noch unver�ffentlichten Tagebuch Abeggs �ber seine Reise nach K�nigsberg (1798) noch eine �u�erung Lamberts aus dem Jahre 1766 bekannt geworden. Ein Sch�ler und sp�terer Freund des K�nigsberger Philosophen, namens Jensch, ging in jenem Jahre mit Empfehlungen Kants an Lambert nach Berlin. Man habe, so erz�hlte Jensch am 5. Juli 1798 an Kants Mittagstisch, damals bei Lambert �ber allerlei philosophische und mathematische Themata gesprochen: da habe sich, als das Gespr�ch auf ein anderes Gebiet �berging, Lambert auf einmal in die H�he gerichtet, die Augen geschlossen und gesprochen: "Was nicht gewogen und berechnet werden kann, geht mich nichts an, davon verstehe ich nichts!" Kant stimmte darin noch als 74j�hriger grunds�tzlich Lambert zu: "Es ist schon recht, dass im Grunde alles am Ende auf den Calcul ankommt." Freilich, meinte er, "bis es dahin gebracht ist, erfordert es viele vorl�ufige Arbeit".