
3. Fragmente zur Naturgeschichte der Erde
Von der allgemeinen Er�rterung des Kraftbegriffes, die seine Erstlingsschrift vollzogen, war Kant zur "Naturgeschichte und Theorie" des Himmels �bergegangen; von da aus schreitet er weiter, zur Naturgeschichte der Erde fort. Dass ihm dieser innere Zusammenhang auch vor Augen gestanden hat, d�rfen wir aus dem Schlu� seiner Abhandlung �ber die Achsendrehung der Erde schlie�en, wo er von seiner bevorstehenden "Kosmogonie" schreibt: sie werde "dasjenige im gro�en oder vielmehr im unendlichen" sein, "was die Historie der Erde im kleinen enth�lt". Was er unter der Geschichte der Natur im Unterschied von der Naturbeschreibung verstand, hat er allerdings erst in einer sp�teren Schrift (Von den Rassen der Menschen 1775) auseinandergesetzt: jene, an der es uns "fast noch g�nzlich" fehlt, habe zu zeigen, "durch welche Reihe von Ver�nderungen die Naturdinge hindurchgegangen sind, um an jedem Orte in ihren gegenw�rtigen Zustand zu gelangen", also "die Ver�nderung der Erdgestalt, ingleichen die der Erdgesch�pfe (Pflanzen und Tiere), die sie durch nat�rliche Wanderungen erlitten haben, und ihre daraus entsprungenen Abartungen von dem Urbilde der Stammgattung" zu lehren. Wir sehen: ein gro�artiges Programm! Trotz aller Schwierigkeit m�sse man eine solche Geschichte der Natur "wagen", die dann "nach und nach von Meinungen zu Einsichten fortschreiten k�nnte". Kant selbst hat gegen Ende der 70er Jahre vor�bergehend einmal daran gedacht, zu dem "allgemeinen" Teil einer solchen Naturgeschichte einen Beitrag zu liefern, wenn auch "mehr durch Ideen als deren ausf�hrliche Anwendung". Allein die schwer auf ihm lastende Arbeit an der Vernunftkritik hinderte ihn damals daran. Im Vergleich damit war eben doch die Naturgeschichte, wie er sich ausdr�ckte, nicht sein "Studium", sondern nur sein "Spiel". Dazu kam ein Bedenken, das er noch 1785 in die Worte kleidet: im Gegensatz zu der in der "ganzen Pracht" eines wissenschaftlichen Systems prunkenden Naturbeschreibung seien von der Naturgeschichte vorerst nur "Bruchst�cke oder wankende Hypothesen" vorhanden. In den 50er Jahren indes, wo ihm mit der Idee einer "Naturgeschichte" des Himmels auch eine solche der Erde aufgestiegen war, hat er mutig eine Anzahl "Bruchst�cke", d. h. kleinerer Arbeiten zu diesem Thema geliefert, zu dessen Bearbeitung die in jener Zeit vielfach umlaufenden geologischen Theorien Anregung genug gaben. Er hat diese erdgeschichtlichen Studien dann mit Vorliebe beinahe vier Jahrzehnte hindurch fortgesetzt, wie eine Anzahl Aufs�tze und noch mehr Notizen in seinem Nachla� bezeugen.
Schon vor dem Erscheinen seiner Kosmogonie hatte er, wie bereits erz�hlt, in der heimatlichen Zeitung � an dieser, dem sogenannten "Intelligenzwerk", flei�ig mitzuarbeiten, wurden die Professoren und Magister der Akademie von der Beh�rde aufgefordert � die beiden Aufs�tze �ber die Achsendrehung und das Veralten der Erde ver�ffentlicht. Von Januar bis April 1756 folgten drei Abhandlungen �ber das Erdbeben von Lissabon, die das K�nigsberger Publikum gerade von ihm, der offenbar schon als eine Art Autorit�t auf geologischem Gebiete galt, begehrte, in derselben Zeitung bzw. ihrem Verlage. Ungef�hr gleichzeitig erschien das Universit�tsprogramm: 'Neue Anmerkungen zur Erl�uterung der Theorie der Winde' (Ende April 1756). Es schlie�en sich an der 'Entwurf und Ank�ndigung eines Collegii der physischen Geographie' (Ostern 1757), und vor allem die von da an 40 Jahre hindurch jedes Sommersemester sich wiederholenden viel besuchten Vorlesungen �ber letzteren Gegenstand. Endlich geh�ren in diesen Zusammenhang die zeitlich freilich sehr viel sp�ter entstandenen kleinen Aufs�tze '�ber die Vulkane im Mond' (1785) und 'Etwas vom Einflu� des Mondes auf die Witterung' (1794) in der 'Berlinischen Monatsschrift', die wir bei dieser Gelegenheit gleich mit ber�cksichtigen. Denn wir wollen im folgenden nicht die zuf�lligen und verh�ltnism��ig unwichtigen Umst�nde der Entstehung dieser verschiedenen kleinen Abhandlungen schildern, sondern aus ihnen Kants Gesamtanschauung von der Geschichte des Erdk�rpers und Seines Trabanten kennen zu lernen suchen, soweit sich dieselbe aus solchen "Bruchst�cken" zusammenstellen l��t. Wir k�nnen das um so eher, da der Philosoph zwar, wie der genaueste Kenner und langj�hrige Bearbeiter seines Nachlasses E. Adickes ausf�hrt, best�ndig an Einzelheiten seiner Theorien "gemodelt", aber "gewissen Grund�berzeugungen ... sein Leben lang treu geblieben ist".
Kants Theorie von der Entwicklung des Erdk�rpers schlie�t sich unmittelbar an die 'Theorie des Himmels' an. Im Anfang bestand unser Planet, ebenso wie die Sonne, aus einer chaotischen fl�ssigen *) Masse, in der alle Elemente � "Luft, Erde, Wasser usw." � miteinander vermengt waren. Sie nahm durch ihre Rotation die Gestalt einer abgeplatteten Kugel an und begann an der Oberfl�che allm�hlich hart zu werden. Inzwischen bildeten sich unter derselben, infolge des nat�rlichen Aufsteigens der leichteren Elemente, weite, von Luft und Wasser erf�llte Hohlr�ume, die dann wiederholte Einst�rze und infolge deren Gebirge und T�ler, abwechselnd mit weiten, jedoch nicht allgemeinen �berschwemmungen hervorriefen. �ber die Entstehung der letzteren, von denen eine die sogenannte "S�ndflut", hat der Philosoph allerdings (nach Adickes' genauen Untersuchungen) zu verschiedenen Zeiten verschieden gedacht. Nach ihrem Verschwinden stieg nach und nach das heutige Festland aus dem einstigen Meeresboden empor. Die weitere Entwicklung der Erdoberfl�che konnte sich nach solchen "Revolutionen" in gr��erer Ruhe vollziehen. Kants Aufmerksamkeit ziehen naturgem�� in erster Linie Probleme auf sich, die seinem scharf beobachtenden Blicke durch die Natur der Heimat gegeben waren: so die Grenzverschiebungen zwischen Meer und Land, die Bildung der D�nen und Haffe, die Entstehung und Bedeutung der Flu�betten, die er einmal den "eigentlichen Schl�ssel der Erdtheorie" nennt; in den 70er Jahren auch die der W�sten u. a. Im ganzen huldigt unser Denker mehr dem sogenannten Neptunismus (Entstehung durch Wasser) als dem Plutonismus (Entstehung durch Feuer). Vulkanische Ausbr�che scheinen ihm erst sp�ter stattgefunden zu haben und haben blo� vereinzelte Berge gebildet; die meisten "krater�hnlichen Bassins" auf der Erde, wie auf dem Monde, scheinen ihm nicht vulkanischen Ursprungs zu sein. Das Innere der Erde ist wahrscheinlich auch jetzt noch ein Chaos; magnetische Kr�fte innerhalb desselben verursachen vielleicht die sonst unerkl�rbaren periodischen Klimaschwankungen der Erde. Zur Erkl�rung der Erdbeben mu� freilich ein in jenen unterirdischen H�hlungen loderndes Feuermeer angenommen werden, das nur auf die Gelegenheit wartet, sich verheerend auf die Erdoberfl�che zu ergie�en oder sie doch mindestens zu ersch�ttern. In den Erdbebenaufs�tzen des Jahres 1756 spielt naturgem�� das Wirken des Feuers � das ja auch, wie wir bereits sahen, das Thema seiner Promotionsschrift von 1755 bildete � eine gr��ere Rolle. Er h�lt es f�r m�glich, dass die "Feuersch�tze" dieses "Reichs des Vulkan" dereinst der Erde vielleicht ein unvorhergesehenes Ende bereiten; aber das w�re ein Zufall, wie wenn ein Geb�ude durch eine Feuersbrunst zerst�rt wird. Im ganzen neigt er, dem durch Leibniz in die Wissenschaft eingef�hrten Kontinuit�tsgesetz und der eigenen wissenschaftlichen Grundanschauung folgend, der Annahme einer allm�hlichen, in "unmerklichen Stufen" vor sich gehenden Entwicklung zu, die gleichwohl durch best�ndige Summierung in langen Perioden gro�e Ver�nderungen hervorzubringen vermag.
Andere Abhandlungen beziehen sich auf ein Thema, zu dem ihm das K�nigsberger Klima mit seinem h�ufigen Umspringen des Windes eine g�nstige Beobachtungsgelegenheit bot: die Entstehung der Winde; woran sich Untersuchungen �ber das Drehungsgesetz der Passate, das Wehen der Monsune, die Feuchtigkeit der Westwinde schlossen. Seine Vorlesungen �ber physische Geographie, auf die wir in einem sp�teren Kapitel noch zu sprechen kommen werden, betrachten die Erdoberfl�che haupts�chlich in ihrem gegenw�rtigen Zustand. Aber, wie auf Vergangenheit und Gegenwart, so richtete sich auch auf die fernste Zukunft unseres Planeten sein Blick. Dem ewigen Werden und Vergehen "aller Naturdinge" nach streng mechanischen Gesetzen ist auch die Erde unterworfen. Sie altert. Ihr immer st�rkeres Hartwerden und die Zunahme ihrer Eigenw�rme werden zur Folge haben, dass keine D�nste mehr aus ihrem Innern aufsteigen und so ihrer Fruchtbarkeit ein Ende machen, so dass sie vermutlich auch aufh�ren wird, bewohnbar zu sein. Ebbe und Flut, ihrerseits durch die Anziehungskraft des Mondes veranla�t, bewirken gleichfalls durch ihren Reibungswiderstand eine zwar sehr langsam, aber sicher vor sich gehende Abnahme ihrer Rotationsgeschwindigkeit, bis ihre Drehung einst ganz aufh�ren wird. Die Erde hatte einen Anfang � ein von Ewigkeit her bestehender Erdk�rper w�rde schon "abgesp�lt" sein � und wird auch ein Ende haben; denn Ruhe ist der erste und letzte Zustand aller Bewegung. Zuletzt wird sie mit allen anderen Planeten in den allgemeinen "Senkungspunkt", die Sonne, zur�ckfallen, aus deren Scho� sie einst "gewaltsam erhoben ward"**), um aber vielleicht aus demselben neue Welten erstehen zu lassen.
Auch die zur Naturgeschichte der Erde geh�renden Aufs�tze ruhen auf dem Grunde von Newtons Theorie, den gleich die erste Abhandlung und zwar ihn allein zweimal nennt, als den Urheber des "gl�cklichsten Versuches, den der menschliche Verstand in der Erkenntnis der Natur noch getan hat". Ferner: Kant will in ihnen zwar als "Naturkundiger", nicht als historischer Forscher auftreten, sich unmittelbar an die Natur halten und deren "Arbeit" beschreiben, aber er ist doch alles weniger als ein Naturforscher im modernen Sinne. Er treibt keine methodisch geregelte oder gar experimentelle Detailforschung, wie wir es heute von jedem Naturwissenschaftler fordern, sondern sch�pft seine ausgebreiteten Einzelkenntnisse, wenn wir von Beobachtungen gewisser Naturerscheinungen der Heimat absehen, aus reicher Belesenheit in naturwissenschaftlichen Schriften und Reisebeschreibungen jeder Art. Auch in Einzeltheorien zeigt er sich, auf geologischem Gebiete noch st�rker als auf dem astronomischen, vielfach beeinflu�t von den Lehren fr�herer und zeitgen�ssischer Gelehrter, unter denen Adickes, der genaueste Kenner dieser Dinge, vor allem Leibniz, Buffon und Buache namhaft macht. Allein Kant macht auch gar nicht Anspruch darauf, auf diesem Gebiete ein Bahnbrecher der Wissenschaft zu sein. Seine Aufs�tze wollen mehr zum Nachdenken anregende, popul�r geschriebene Betrachtungen f�r die Leser der K�nigsberger Lokalbl�tter und Universit�tsprogramme, sp�ter der Berliner Monatsschrift sein.
________________
*) Bis etwa 1775 kalt-, seitdem hei�-fl�ssig gedacht (vgl. Adickes, Kants Ansichten �ber Geschichte und Bau der Erde. 1911. S. 129f.). Woher die Fl�ssigkeit kam, dass sie sich erst aus der W�rme entwickelt, hat er erst 1785 erkannt. Das Feuer ist ihm in der Dissertation "De igne" (1756) noch ein weiter nicht erkl�rbares Element, das als urspr�nglich elastische Materie allerdings schon die Hauptmerkmale des Fl�ssigen, leichte Verschiebbarkeit der Teilchen und gleichm��ige Druckverteilung, besitzt. Die mechanische W�rmetheorie existierte eben zu seiner Zeit noch nicht.
**) Aus Herders Kollegheft bei Menzer (Kants Lehre von der Entwicklung in Natur und Geschichte, 1911}, S. 75.