
Preisschrift von 1764
Ungef�hr gleichzeitig mit den drei bisher besprochenen Arbeiten entstand die der Berliner Akademie der Wissenschaften zur Bewerbung um den Preis von 1763 eingereichte 'Untersuchung �ber die Deutlichkeit der Grunds�tze der nat�rlichen Theologie und Moral'. Kant hatte sich anscheinend erst sp�t zur Mitbewerbung entschlossen, sein Manuskript infolgedessen "kurz und eilfertig abgefa�t" und "lieber etwas in Ansehung der Sorgfalt, Abgemessenheit und Zierlichkeit der Ausf�hrung verabs�umen" als den letzten Ablieferungstermin (31. Dezember 1762) verstreichen lassen wollen, an dem es denn auch gl�cklich noch in Berlin einlief. Den ersten Preis, eine 50 Dukaten schwere, goldene Denkm�nze, trug der Jude "Moses, Mendels Sohn" davon, doch wurde zugleich erkl�rt, dass das "Memoire" Kants "der Schrift des gelehrten Juden ... beinahe gleich w�re". [Nach einer Mitteilung von Kraus h�tte die Akademie sogar den ersten Preis Mendelssohn nur "zur Aufmunterung" gegeben, w�hrend Kant ihn eigentlich verdient h�tte; das soll Sulzer an Kant selbst geschrieben haben.] Zusammen mit der Abhandlung Mendelssohns ('�ber die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften') und zwei weiteren Preisschriften wurde dann Kants Abhandlung unter dem oben erw�hnten Titel Fr�hjahr 1764 auf Kosten der Akademie gedruckt.
Der Titel deckt sich nur teilweise mit dem Inhalt. Die Frage der Akademie hatte gelautet: "Man will wissen: ob die Metaphysischen Wahrheiten �berhaupt, und besonders die ersten Grunds�tze der Theologiae naturalis und der Moral, eben der deutlichen Beweise f�hig sind als die geometrischen Wahrheiten, und welches, wenn sie besagter Beweise nicht f�hig sind, die eigentliche Natur ihrer Gewi�heit ist, zu was vor einem Grade man gemeldete Gewi�heit bringen kann, und ob dieser Grad zur v�lligen �berzeugung zureichend ist?" Diese Frage entsprach nicht blo� dem Zeitinteresse, sondern lag auch ganz in der Richtung der Probleme, die Kants Inneres seit Jahren besch�ftigten. Seine Schrift tr�gt denn auch, mehr als der etwas verschwommene Titel erkennen l��t, methodologischen Charakter. Beinahe schon an den sp�teren, kritischen Standpunkt erinnert die Forderung der knapp gefa�ten Einleitung nach einer "unwandelbaren Vorschrift der Lehrart". Denn, dass sie nicht dogmatisch gemeint ist, beweist schon der Name, der nun folgt: "sowie Newtons Methode in der Naturwissenschaft die Ungebundenheit der physischen Hypothesen in ein sicheres Verfahren nach Erfahrung und Geometrie ver�nderte". Die Beziehung auf die Erfahrung wird �berhaupt kr�ftig betont: "sichere Erfahrungsgrunds�tze und daraus gezogene unmittelbare Folgerungen" sollen den Inhalt seiner Abhandlung bilden. Dagegen darf die Philosophie nicht einseitig die mathematische Methode nachahmen wollen. Die Mathematik verf�hrt synthetisch, betrachtet das Allgemeine konkret, besitzt nur wenige unbewiesene S�tze; die Philosophie dagegen mu� analytisch vorgehen, liebt die Abstraktion, ist voll unerweislicher S�tze. Jene kann mit Definitionen beginnen, diese allenfalls damit enden. Analog Newtons naturwissenschaftlicher Methode mu� sie vielmehr von "sicheren", wenn auch "inneren", Erfahrungen, n�mlich dem "unmittelbaren augenscheinlichen Bewu�tsein" ausgehen und verworrene Erkenntnisse zu klaren Begriffen gestalten. Zu einem synthetischen Aufbau, wie ihn die Mathematik gibt, ist in der Metaphysik "noch lange die Zeit nicht" da.
So die beiden ersten Kapitel der f�r Kants philosophische Entwicklung �beraus wichtigen Schrift. Erst gegen Ende des dritten wird dann, in einem gewissen Widerspruch dazu, behauptet und in der vierten "Betrachtung" ausgef�hrt, dass gleichwohl verschiedene unbeweisbare S�tze der Metaphysik ebenso sicher sein k�nnen als die mathematischen. Dazu geh�rt vor allem der Gegenstand der nat�rlichen Religion: Gott, insofern er als die alleinige Ursache alles Seienden gefa�t wird; w�hrend seine "freien" Handlungen (Vorsehung, Gerechtigkeit, G�te) freilich nur ann�hernde, n�mlich moralische Gewi�heit beanspruchen k�nnen.
Auf die Ethik war auch schon die Abhandlung von den negativen Gr��en zu sprechen gekommen, indem sie ein "inneres Gesetz", sei es nun "blo� das Gewissen" oder auch "das Bewu�tsein eines positiven Gesetzes", als Grundlage unseres sittlichen Handelns annimmt. Jetzt erfolgt ein weiterer Schritt zur kritischen Ethik hin. Es wird � durch langes Nachdenken sei der Verfasser dazu gekommen � ein "erster formaler Grund aller Verbindlichkeit zu handeln" von den "materialen Grunds�tzen der praktischen Erkenntnis" unterschieden und in die Formel zusammengefa�t: "Tue das Vollkommenste, was durch Dich m�glich ist."
Doch der Philosoph f�hlte selbst, dass sein Denken noch in der Entwicklung begriffen sei. Er schmeichelte sich zwar, wie er dem Sekret�r der Akademie (Formey) am 28. Juni 1763 schrieb, "dem Ziele sehr nahe" zu sein, und er beabsichtigte eben damals, stine Schrift "betr�chtlich" erweitert herauszugeben, weil er meinte, dass von seiner Methode allein "ein gl�cklicher Ausgang vor die abstrakte Philosophie zu erwarten" stehe. Allein er hat, trotz der sofort erteilten Zustimmung Formeys, dieses Vorhaben dennoch nicht ausgef�hrt: offenbar, weil er eben doch seiner selbst noch nicht sicher genug war. In der Moral speziell war er damals noch geneigt, alles auf das Gef�hl des Guten zur�ckzuf�hren, wie der Schotte Hutcheson und andere (er denkt wohl an Shaftesbury) es unter dem Namen des "moralischen Gef�hls" begonnen h�tten. Jedenfalls m�sse erst noch ausgemacht werden � mit diesem Gedanken schlie�t die Preisschrift �, ob in der Ethik das Erkenntnisverm�gen oder das Gef�hl "die ersten Grunds�tze entscheide."