
Jena: Sch�tz, Hufeland, Schmid, Reinhold,
Ulrich, Hennings
Hier, in demselben im Herzen Deutschlands gelegenen Herzogtum, das unserer klassischen Dichtung Heimat und Pflegst�tte ward, befand sich inmitten des Professoren-Kollegiums eine geistig vorw�rts strebende j�ngere Generation, die sich um den in den 30er Jahren stehenden Professor der Philologie und Philosophie Christian Gottfried Sch�tz gruppierte. Ein beredter Mann mit feurigen Augen, hatte er sein Haus zu einem gesellschaftlichen Mittelpunkt der aufbl�henden Stadt zu machen verstanden, in dem bald Sch�ler, Goethe, Wilhelm von Humboldt, sp�ter Fichte, zuweilen auch Herzog Karl August verkehrte. Aber mehr als das, er rief zu Anfang 1785 im Verein mit einer Anzahl befreundeter Gelehrter ein vornehmes Rezensionsorgan, die Jenaische Allgemeine Literaturzeitung, ins Leben, in der "nur M�nner der ersten Klasse f�r jedes Fach" die Neuerscheinungen auf den verschiedensten Gebieten der Wissenschaft besprechen sollten. Der f�r die damalige Zeit gro�artige Betrieb imponierte sogar Schiller: "Das Haus hei�t in Jena schlechtweg die Literatur und ist sehr sch�n und bequem gebaut. Ich habe mich in dem Bureau herumf�hren lassen; wo eine ungeheuere Quantit�t Verlagsb�cher, nach dem Namen der Buchh�ndler geordnet, auf seinen Richterspruch wartet." Die Zeitschrift z�hlte nicht weniger als 120 Mitarbeiter, darunter die besten Namen Deutschlands, denen ein Durchschnittshonorar von 15 Talern f�r den Bogen gezahlt wurde. Trotzdem machten Herausgeber und Verleger (Bertuch) gute Gesch�fte. F�r den Sommer 1788 gibt Sch�tz die Auflage auf mehr als 2000 Exemplare an; die Leserzahl sch�tzt er auf � 40 000, da an einem Exemplar oft bis zu 50 Personen l�sen.
Sch�tz ist der erste Gelehrte gewesen, der in klaren Worten auf die bahnbrechende Rolle der neuen Philosophie hingewiesen hat. Er sicherte sich gleich f�r die ersten Nummern Kants Herder-Rezension (s. Kap. 3); er erkl�rte bald darauf (im M�rz) in seiner Besprechung der 'Grundlegung': Mit Kants Kritik habe eine neue Epoche der Philosophie begonnen, eine Revolution, die freilich erst in ihrem Anfang begriffen sei. Und er selbst gab in einer 17 Folioseiten f�llenden Rezension des kritischen Hauptwerks die einzige Besprechung, die diesem damals gerecht geworden ist.
Den gr��ten Teil der gesch�ftlichen Arbeit bei der Literaturzeitung besorgte Sch�tz' Hausgenosse, der junge Doktor der Weltweisheit und beider Rechte Gottlieb Hufeland, "ein still denkender Geist voll Salz und tiefer Forschung" (Schiller), der "auf den ersten Blick die feinste Kultur, Gewandtheit und Welt vereinte" (Abegg). Dieser � �brigens nicht zu verwechseln mit seinem durch die 'Makrobiotik' in weiten Kreisen bekannter gewordenen medizinischen Vetter Christoph Wilhelm Hufeland, dem wir auf dem weiteren Lebenswege unseres Philosophen gleichfalls begegnen werden � sandte Kant im Oktober 1785 seine Erstlingsschrift 'Versuch �ber den Grundsatz des Naturrechts' zu. Seine Scheu vor dem Rezensieren �berwindend, besprach der Philosoph sie im folgenden Fr�hjahr in der Literaturzeitung in einem so warmen und dabei doch jede Phrase vermeidenden Tone, dass der junge Rechtsgelehrte damit sehr zufrieden sein konnte. Hufeland ist es gewesen, der von einer Reise nach K�nigsberg im Sp�therbst 1789 � Schiller die erste Empfehlung des kritischen Philosophen mitgebracht hat. Und umgekehrt steht die letzte Empfehlung Kants an Hufeland, von der wir wissen, in jenem einzigen Briefe vom 1. M�rz 1795, den der kritische an den Dichter-Philosophen gerichtet hat.
Neben Sch�tz und Hufeland wirkte in �hnlichem Geiste der junge Privatdozent der Philosophie und Theologie K. Chr. F. Schmid, den wir bereits als Verfasser eines 'W�rterbuches zum leichteren Gebrauch der Kantischen Schriften' kennen gelernt haben. Er las schon im Winter 1785/86 �ber die Kritik der reinen Vernunft nach einem Auszug, den er am 8. Mai 1786 dem Meister mit einem bescheidenen Begleitschreiben �bersendet. Schmid ist h�chstwahrscheinlich auch der "Kantische Theologe" gewesen, von dem sich Friedrich Schiller im Dorfkirchlein zu Wenigenjena am 22. Februar 1790 mit seiner Lotte trauen lie�.
Die Literaturzeitung, die sich durch ihren frischen Ton und ihre gediegene Mitarbeiterschaft rasch einen gro�en Leserkreis eroberte und auch in K�nigsberg eifrig gelesen wurde � sie wanderte unter anderem �fters zwischen den beiden "gro�en Lesern" Kant und Hamann hin und her � hat unstreitig zur Verbreitung der Kantischen Lehre viel beigetragen. Dennoch ging der eigentlich durchschlagende Erfolg im gr��eren Publikum nicht von ihr aus, sondern von Reinholds 1786/87 im 'Teutschen Merkur' erschienenen 'Briefen �ber die Kantische Philosophie'.
Karl Leonhard Reinhold, der aus einem Wiener Jesuitenz�gling ein rationalistischer Philosoph und Schwiegersohn des Sp�tters Wieland geworden war, �brigens, wenn wir Schillers scharfem Urteil glauben d�rfen, von seiner Jesuitenzeit einen gewissen Mangel an gefestigtem Selbstgef�hl und eine �bertriebene Ergebenheit gegen H�herstehende beibehalten hatte, auch bei Klarheit des Verstandes wenig Phantasie und Gedankenk�hnheit besa�, hatte seinen anfangs herderfreundlichen und kantgegnerischen Standpunkt (s. Kap. 3) inzwischen mit einer begeisterten Kantj�ngerschaft vertauscht. Nachdem er 1786 einen Aufsatz '�ber den Einflu� der Kantischen Philosophie' abgefa�t, lie� er 1786�87 in der Zeitschrift seines Schwiegervaters seine Aufsehen machenden 'Briefe' erscheinen. Sie sind allerdings mehr geistreich als scharf geschrieben; aber gerade, dass sie sich von der Kantischen Schulform frei hielten und mehr die religi�s-moralischen Momente betonten, die auch auf ihn selber am meisten gewirkt hatten, erwarb ihnen die Gunst des gro�en Publikums. Er war nun, wie er am 12. Oktober 1787 dem "verehrungsw�rdigsten" Meister bekannte, "radikal" genesen, wollte fortan "eine der Stimmen in der W�ste" sein, die "dem zweiten Immanuel die Wege bereiten" sollten!
Der Philosoph, dessen Werke bis dahin noch nicht in das gr��ere Publikum gedrungen waren, war nat�rlich seinem begeisterten Popularisator aufrichtig dankbar. Er gedachte in dem uns schon bekannten Aufsatz '�ber den Gebrauch der teleologischen Prinzipien usw." den er auf Wielands Wunsch im Teutschen Merkur ver�ffentlichte, zum Schlu� des "Verfassers der Briefe" mit der w�rmsten Anerkennung, die zugleich seine eigene Bescheidenheit ins klarste Licht stellte. "Das Talent einer lichtvollen, sogar anmutigen Darstellung trockener, abgezogener Lehren ohne Verlust ihrer Gr�ndlichkeit ist so selten (am wenigsten dem Alter beschieden) und gleichwohl so n�tzlich, ich will nicht sagen blo� zur Empfehlung, sondern selbst zur Klarheit der Einsicht, der Verst�ndlichkeit und damit verkn�pften �berzeugung, � dass ich mich verbunden halte, demjenigen Manne, der meine Arbeiten, welchen ich diese Erleichterung nicht verschaffen konnte, auf solche Weise erg�nzte, meinen Dank �ffentlich abzustatten." Es war kein Wunder, dass infolge so warmen �ffentlichen Lobes die Gef�hle des ohnehin etwas weichherzig gearteten Reinhold � der nach Biesters Erz�hlung "weinte", wenn er vernahm, dass Kants "fromme Lehre" noch nicht allgemein anerkannt wurde � f�r den verehrten Meister immer h�her stiegen, w�hrend der alternde Philosoph ihm wiederholt aussprach, dass er von der "Helligkeit und Gr�ndlichkeit" von Reinholds "Einsichten" diejenige "Erg�nzung und lichtverbreitende Darstellung" erhoffe, die er selbst � "es ist schlimm mit dem Altwerden" � seinen Arbeiten nicht geben k�nne (K. an R., 1. Dezember 1789).
Reinhold las von nun an in jedem Wintersemester ein Collegium publicum: 'Einleitung in die Kritik der reinen Vernunft f�r Anf�nger', das au�erordentlichen Zulauf fand. Das erregte den Neid und Groll seines �lteren Kollegen Ulrich. Dieser, der nicht lange vorher noch gegen�ber Kant selber die Kritik der reinen Vernunft "bis auf einige Kleinigkeiten" f�r den "wahren und einzigen Kodex der eigentlichen Philosophie" erkl�rt hatte, verwandelte sich jetzt auf einmal in einen bissigen Gegner der neuen Lehre. Er griff in seinen zahlreichen Vorlesungen � es waren nicht weniger als sechs am Tag! � die Vernunftkritik und die "jungen Herren", n�mlich Reinhold und Sch�tz an, die "mit dem Kantischen Fieber behaftet" w�ren und "mit den Kantischen Spitzfindigkeiten Abg�tterei trieben", dabei ihren Abgott aber selbst am allerwenigsten verst�nden. Eine Vorlesung schlo� er einst mit den klassischen S�tzen: "Kant, ich werde Dein Stachel, Kantianer, ich werde Euere Pestilenz sein. Was Herkules verspricht, wird er auch halten." � Vorsichtiger und zugleich �ngstlicher verhielt sich ein anderer der �lteren Herren, namens Hennings. Er wollte zwar in der Studienanweisung f�r die Anf�nger nicht einmal den Namen Kants genannt haben, gestand aber doch in seinen Vorlesungen zu, dass viel Gutes in Kants Kritik w�re, nur sei � "das Meiste schon bekannt gewesen". Schon Anfang 1786 war unter den Jenaer Studenten, die sonst von Zachari�s Zeiten her im Rufe standen, gro�e Raufbolde und geringe Verehrer der Wissenschaften zu sein, ein so starkes Interesse f�r die Kritik der reinen Vernunft erwacht, dass zwei von ihnen sich duelliert haben sollten, weil einer dem anderen gesagt hatte, er m�sse das Buch "noch drei�ig Jahr studieren, eh' ers verst�nde, und dann noch andere drei�ig, um Anmerkungen dar�ber machen zu k�nnen".