
5. Wirkung der Kritik der reinen Vernunft
Auf einen schnellen Erfolg seines gewaltigen Werkes hatte Kant selbst nicht gerechnet. Er erhoffte zwar einen gr��eren Absatz bei seinen Zuh�rern (an Spener, 11. Mai 81), aber tiefer dringendes Verst�ndnis zun�chst nur bei "sehr wenig Lesern". Denn "man kann es nicht erwarten, dass die Denkungsart auf einmal in ein bisher ganz ungewohntes Gleis geleitet werde, sondern es geh�rt Zeit dazu, um sie zuvor in ihrem alten Gange nach und nach aufzuhalten, um sie endlich durch allm�hliche Eindr�cke in die entgegengesetzte Richtung zu bringen" (an Herz, Mai 81). Indes scheinen sich unter seinen damaligen Zuh�rern keine hervorragenden K�pfe befunden zu haben, die ihm, der zudem in seinen Vorlesungen seine neuen Gedanken bisher nur angedeutet hatte, vollst�ndig h�tten folgen k�nnen. Und f�r die H�rer und Leser des vorkritischen Kant war die Kluft gegen�ber dem neuen System zu gro�, sie wurden, wie Herder, zum Teil sogar seine Gegner. Immerhin rechnete er wenigstens auf das Verst�ndnis von M�nnern wie Herz, Mendelssohn und Tetens. Denn wie er einmal in seinen 'Reflexionen' (II, 57) sagt, "alle neuen Theorien, die eine gro�e Ver�nderung machen, m�ssen von jemand anders introduziert werden, der Erfinder hat sie niemals in Gang bringen k�nnen." Er meinte zwar, dass seine Lehre die einzige sein werde, "welche, wenn sich die Gem�ter von der dogmatischen Hitze werden abgek�hlt haben, allein �brigbleiben und alsdann immer fortw�hren mu�"; aber er zweifelt doch, dass er selbst "derjenige sein werde, der diese Ver�nderung hervorbringen wird".
Wie stand es nun aber mit jenen drei M�nnern, auf die er vertraute? Tetens, der �berhaupt seit der Ver�ffentlichung seines Hauptwerks (1777) schriftstellerisch ganz zur�cktritt, scheint sich gar nicht dar�ber ge�u�ert zu haben. Ebenso lie� Marcus Herz anscheinend nichts wreiter von sich h�ren. Mendelssohn aber, schon damals nervenleidend, legte das Buch, als ihn zu stark anstrengend, vorl�ufig beiseite. Er wagte sich zwar, so oft er "sich schmeichelte, an Kr�ften zugenommen zu haben", an das "nervensaftverzehrende" Werk, hatte aber die Lekt�re auch nach zwei Jahren noch nicht zu Ende gebracht (an Kant, 10. April 83). Ein Pastor Bobrik aus Westpreu�en sandte ihm zwar im Sp�therbst 1782 'Probebogen einer lateinischen �bersetzung zu, aber dieselbe war so schlecht, dass der Philosoph in ihr sich selbst nicht verstand! Umsonst schien die Hoffnung des Verfassers, dass die "erste Bet�ubung", die "eine Menge ganz ungewohnter Begriffe und einer noch ungew�hnlicheren, obzwar dazu notwendig geh�rigen, neuen Sprache hervorbringen mu�te", sich nach und nach verlieren m�sse (K. an Garve, 7. August 83). Man sah das Werk, wie Kants eifriger Verehrer, sein Kollege Johann Schultz noch 1784 schrieb, "beinahe als ein versiegeltes Buch" an, "das niemand �ffnen kann", und das "selbst f�r den gr��ten Teil des gelehrten Publikums ebensoviel ist, als ob es aus lauter Hieroglyphen best�nde"; man klagte fast allgemein �ber seine fast un�berwindliche Dunkelheit und Unverst�ndlichkeit. Vielfach fehlte nat�rlich auch der gute Wille. So legte eine der gesch�tztesten Gr��en dieser Zeit, der G�ttinger Professor Feder, das Buch nach kurzem Durchbl�ttern als ein "dem Genius der Zeit gar nicht angemessenes" zur Seite. Offenen Widerstand wagte freilich auch zun�chst niemand. Man ahnte doch wohl dunkel etwas von der Gr��e, die hinter dem Riesenwerke stak, und "beehrte" es deshalb, um Kants eigenen Ausdruck zu gebrauchen, "eine geraume Zeit mit Stillschweigen".
Mit einer Ausnahme. In einer der angesehensten wissenschaftlichen Zeitschriften, den 'G�ttinger Gelehrten Anzeigen' vom 19. Januar 1782 (3. St�ck, S. 40�48) erschien eine anonyme Besprechung. Aber sie konnte ihn nur aufs tiefste verstimmen, denn, wenn sie ihn auch nicht mit gr�bstem Gesch�tz angriff, so waren doch darin die Hauptfragen und der Zweck des Werks g�nzlich verkannt. Sie stammte, wie sich sp�ter herausstellte, von dem bekannten Popularphilosophen Christian Garve, war jedoch von dem Herausgeber der Zeitschrift, dem eben genannten Feder, eigenm�chtig verk�rzt und ver�ndert worden. Mochte die Federsche Bearbeitung die allgemeine Tendenz der Rezension, dass die Kr. d. r. V. ein verfehltes Machwerk sei, auch nicht gerade verf�lscht, sondern nur krasser und hochm�tiger ausgedr�ckt haben,*) so war es doch ein eines Gelehrten unw�rdiges Benehmen, das denn auch Feder auf die Dauer in G�ttingen unm�glich gemacht hat, den Autor aber zu einer �ffentlichen Abwehr herausfordern mu�te.
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*) N�heres �ber die ganze Angelegenheit und die dazu geh�rige Literatur s. in meiner Ausgabe von Kants Prolegomena (Philos. Bibl. Bd. 40), Einleit. S. IX�XIII und Anhang S. 149�196.