
II. Psychische Erkrankungen als Folge
des sozialen Aufstiegs
Ich verf�ge �ber eine kleine Beobachtungsreihe von Neurosenf�llen, in denen unter den krankmachenden Ursachen dem Umstand, da� die Patienten in fr�her Kindheit, meist w�hrend der sexuellen Latenzzeit, mit ihrer Familie sozial h�her stiegen, gro�e Bedeutung zugeschrieben werden mu�te. Drei dieser F�lle betrafen M�nner, die an sexueller Impotenz litten, eine Patientin litt an Tic convulsif. Von den drei Impotenten waren zwei Vettern, deren V�ter zur selben Zeit wohlhabend und �fein� wurden, zu einer Zeit, wo ihre S�hne 7 bis 9 Jahre alt waren. Alle drei Impotenten machten eine au�erordentlich wilde und �ppige, polymorph-perverse infantile Sexualit�t durch, an deren Entfaltung sie durch keine Aufsicht, keine Konvention gehindert waren. Im besagten Alter kamen sie in ganz ungewohnt feine Verh�ltnisse, zum Teil mu�ten sie sogar den vertrauten l�ndlichen Aufenthalt mit dem st�dtischen oder gro�st�dtischen Leben vertauschen. Sie b��ten bei diesem Wechsel ihren fr�heren Wagemut und ihre Selbstsicherheit ein, denn gerade wegen ihrer Ausgelassenheit mu�ten sie besonders starke Reaktionsbildungen entwickeln, wollten sie den Ichidealen eines neuen, vornehmeren Milieus auch nur halbwegs entsprechen. Kein Wunder, da� dieser Verdr�ngungsschub gerade die sexuelle Aggressivit�t und die genitale Leistungsf�higkeit am st�rksten in Mitleidenschaft zog.
Schon bei diesen Patienten, noch mehr aber bei der Tic-Kranken konnte ich einen das Ma� des Normalen weit �bersteigenden Narzi�mus konstatieren, der sich in hochgradiger Empfindlichkeit �u�erte. Die geringste Nachl�ssigkeit beim Gr��en legten sie als Beleidigung aus; sie alle hatten den �Komplex des Geladen-sein-Wollens� und konnten jemanden wegen Hintansetzung ihrer Person zeitlebens hassen. Nat�rlich steckte hinter dieser Empfindlichkeit das Gef�hl der eigenen sozialen Schw�chen, besonders aber das unbewu�te Wirken der perversen Sexualregungen. Die Tic-Kranke und einer der Sexual-Impotenten hatten auch das gemein, da� sie in der Latenzzeit nicht nur sozial, sondern gleichsam auch moralisch h�her stiegen, indem gleichzeitig auch die Illegitimit�t ihrer Herkunft korrigiert wurde. Eine j�ngere Schwester der Tic-Kranken, �ltere und j�ngere Br�der eines der Impotenten blieben von der Erkrankung verschont, vielleicht weil sie noch vor Abschlu� der infantilen Sexualperioden oder schon zu Beginn der Pubert�t den gro�en Milieuwechsel mitmachten, der ihnen also nicht mehr schaden konnte. Die Latenzzeit hat ungeheure Bedeutung als die Zeit der Festlegung der Charakterz�ge und der Statuierung des Ichideals. Die St�rung der Einheitlichkeit dieses Prozesses etwa durch �nderung des moralischen Standard of life mag h�ufiger, als wir es bisher ahnten, bei den unvermeidlichen Konflikten zwischen Ich und Sexualit�t, zu neurotischer Erkrankung f�hren.