close
Image
Image
Image Image





Image
Image
Image

Freud und die �Guerilla�-Periode der Psychoanalyse


Die erste, ich m�chte sagen, heroische Periode der Psychoanalyse, waren die zehn Jahre, in welchen Freud ganz allein den Angriffen begegnen mu�te, die man von allen Seiten und mit allen erdenklichen Mitteln gegen die Psychoanalyse richtete. Man versuchte es zuerst mit dem altbew�hrten Mittel des Totschweigens, dann kamen Verh�hnung, ver�chtlicher Spott, sogar Verleumdung an die Reihe. Der einstige Freund, dann sein anf�nglicher Mitarbeiter lie�en ihn im Stich, und die einzige Art des Lobes, das man ihm spendete, war das Bedauern, da� sein Talent das Opfer solcher ungeheueren Verwirrung werden konnte.  

Es w�re erheuchelte Gleichg�ltigkeit, hielten wir mit dem Ausdruck unserer Bewunderung dar�ber zur�ck, da� Freud, ohne sich um die sein Ansehen schm�lernden Angriffe viel zu k�mmern und trotz der empfindlichen Entt�uschung, die ihm auch Freunde bereiteten, auf dem einmal als richtig erkannten Weg beharrlich weiterschritt. Mit dem bitteren Humor eines Leonidas konnte er sich sagen: im Schatten der Verkanntheit werde ich wenigstens ruhig arbeiten k�nnen. Und so geschah es, da� diese Jahre der Verkanntheit f�r ihn Jahre des Heranreifens unverg�nglicher Ideen und des Schaffens der bedeutsamsten Werke wurden. Welch unersetzlicher Schaden w�re es gewesen, h�tte sich Freud statt dessen mit unfruchtbarer Polemik abgegeben. Die Angriffe, die gegen die Psychoanalyse gerichtet wurden, haben ja in der �berzahl der F�lle kaum die Beachtung verdient. Es waren zum Teil ohne jede pers�nliche Erfahrung, mit vorgefa�ter Meinung, aus billigen Witzen und Schimpfw�rtern zusammengefa�te Kritiken und Artikel. Manche hatten offensichtlich keinen anderen Zweck als den, das Wohlgefallen der einflu�reichen Gegner der Analyse f�r sich zu gewinnen; es h�tte sich gewi� nicht gelohnt, sich mit diesen abzugeben. Die offiziellen Gr��en der Psychiatrie begn�gten sich aber meistens damit, von ihrer olympischen H�he mit etwas komisch wirkendem Selbstbewu�tsein ihr Verdammungsurteil herunterzudonnern, ohne sich die M�he zu nehmen, dieses Urteil irgendwie zu begr�nden. Ihre stereotypen Phrasen begannen denn auch langweilig zu werden, sie verfielen dem Schicksal monotoner Ger�usche, man �berh�rte sie und konnte ruhig weiterarbeiten. Das Nichtreagieren auf unwissenschaftliche Kritiken, das Meiden jeder sterilen Polemik bew�hrte sich also im ersten Verteidigungskampf der Psychoanalyse.

Die zweite Periode wird durch das Auftreten der Z�richer gekennzeichnet, deren Verdienst es war, Freuds Ideen durch ihre Verkn�pfung mit Methoden der Experimentalpsychologie auch f�r jene zug�nglich gemacht zu haben, die zwar auch aufrichtig nach der Wahrheit suchten, die aber ihre Ehrfurcht vor der �Exaktheit� von Freuds Forschungen, die mit aller hergebrachten psychologischen Forschungsmethode brachen, zur�ckschrecken lie�. Die Mentalit�t dieser Gruppe kenne ich aus eigener Erfahrung; auch ich kam erst sp�ter zur Einsicht, da� die �Exaktheit� der vorfreudschen Psychologie eine Art Selbstbetrug, ein Deckmantel ihrer Gehaltlosigkeit war. Die experimentelle Psychologie ist allerdings exakt, aber wir k�nnen sehr wenig von ihr lernen; die Psychoanalyse ist �unexakt�, aber sie zeigt uns ungeahnte Zusammenh�nge und deckt bis dahin unzug�nglich gewesene Schichten der Seele auf.2)  

Gleichwie nach Amerigo auf den durch Columbus entdeckten Weltteil, so str�mten neue Arbeiter auf das von Freud erschlossene wissenschaftliche Gebiet, und �hnlich den Pionieren der Neuen Welt f�hrten und f�hren sie eben Guerillakrieg. Ohne einheitliche Lenkung, ohne taktische Zusammenarbeit k�mpft und arbeitet jeder auf dem von ihm eroberten St�ck Land. Nach Gutd�nken besetzt jeder den Teil des riesigen Gebietes, der ihm gef�llt, und w�hlt die ihm zusagende Art der Arbeit, des Angriffs und der Verteidigung. Unerme�lich waren die Vorteile dieses Guerillakrieges, solange es nur darum zu tun war, gegen den �berm�chtigen Gegner Zeit zu gewinnen und die neugeborenen Ideen davor zu sch�tzen, im Keime erstickt zu werden. Die freie, durch keine R�cksicht auf andere gehemmte Bewegung erleichtert jedem die Anpassung an die gerade gegebenen Verh�ltnisse, an das Ma� des Verst�ndnisses, an die St�rke des Widerstandes. Auch da� jede Autorit�t und Bevormundung, jede Disziplin fehlte, steigerte nur die Selbst�ndigkeit, die bei solcher Vorpostenarbeit unentbehrlich ist. Es fand sich sogar ein Menschenschlag, dessen Sympathie gerade durch diese �irregul�re� Arbeitsweise gewonnen wurde; ich meine die Leute mit k�nstlerischer Begabung, die nicht nur ein ahnendes Verstehen der uns besch�ftigenden Probleme, sondern auch unsere Auflehnung gegen den Scholastizismus in der Wissenschaft in unser Lager f�hrte, und die nicht unerheblich zur Verbreitung der Freudschen Ideen beitrugen.  

Aber aus dem Guerillakrieg erwuchs nebst diesen Vorteilen allm�hlich auch so mancher Nachteil. Der vollst�ndige Mangel jeder F�hrung brachte es mit sich, da� bei einzelnen das spezielle wissenschaftliche und pers�nliche Interesse zum Schaden der Gesamtinteressen, ich m�chte sagen, der �zentralen Ideen� �berhand nahm. Der doktrin�re Liberalismus wird daraus dem Guerillakampf keinen Vorwurf machen; im Gegenteil, er wird betonen, da� die Wissenschaft �frei� bleiben mu�. Aber gerade die Psychoanalyse und die analytische Selbstkritik hat jeden von uns davon �berzeugen k�nnen, da� ein Mensch, der allein, ohne Freunde, Hilfe und Korrektur, die eigenen, oft unzweckm��igen Tendenzen und Neigungen richtig erkennen und sie im Interesse der Gesamtheit b�ndigen kann, zu den Ausnahmen geh�rt, und da� ein gewisses Ma� von gegenseitiger Kontrolle auch auf wissenschaftlichem Gebiet nur g�nstig wirken kann; da� also die Respektierung gewisser Kampfregeln, ohne die Freiheit der Wissenschaft zu gef�hrden, deren �konomische und ruhige Entwicklung nur f�rdern kann. Es w�re auch zu bedenken, da�, wenn ein sehr wertvoller und talentierter Teil der Gesellschaft uns gerade wegen unserer Unorganisiertheit sympathisch findet, die an Ordnung und Disziplin gewohnte Mehrzahl aus unserer Irregularit�t nur neuen Stoff zum Widerstand sch�pft. Es d�rfte auch zahlreiche Anh�nger geben, die, obzwar sie mit uns halten, vielleicht sogar im stillen f�r uns arbeiten, zur �individuellen Aktion� nicht taugen, sich aber gerne einer Organisation anschl�ssen, was uns einen nicht unbedeutenden Zuwachs an Arbeitsgenossen bedeuten k�nnte. In den Augen der gro�en Menge sind wir, so wie wir jetzt sind, nur undisziplinierte Schw�rmer. Der Name Freud, der auf unserem Banner steht, ist doch nur ein Name und l��t es nicht ahnen, wie viele sich schon mit den Ideen befassen, die von ihm ausgingen und welche Arbeit die Psychoanalyse bereits geleistet hat. So verlieren wir sogar jenes Ma� von �Massenwirkung�, die uns schon kraft unserer Zahl mit Recht zukommt, auch wenn wir vom spezifischen Gewicht der einzelnen Pers�nlichkeiten und deren Ideen absehen. Kein Wunder, wenn den Laien, den psychologisch ungeschulten �rzten, in manchen L�ndern selbst den Psychologen vom Fach, dieser neue Zweig der Wissenschaft bis heilte sozusagen unbekannt blieb, und da� wir den meisten �rzten, von denen wir um fachlichen Rat angerufen werden, �ber die elementarsten Begriffe der Psychoanalyse einen Vortrag halten m�ssen. Hillel, der j�dische Rabbi, ging in seiner Geduld so weit, da� er selbst jenem ihn verh�hnenden Heiden Antwort gab, der ihn aufforderte, ihn in der kurzen Zeit, solange er auf einem Bein stehen kann, mit den Grundgesetzen seiner Religion bekannt zu machen. Ich wei� nicht mehr, ob er mit seiner Antwort den Heiden bekehrte, aber da� eine diesem �hnliche Art des Unterrichts und der Verbreitung der Psychoanalyse nicht sehr erfolgreich ist, kann ich aus eigener Erfahrung behaupten. Daraus aber, da� man uns nicht kennt und nicht anerkennt, erwachsen viele Nachteile; wir sind sozusagen heimatlos und mit den Leitern der reich ausgestatteten Kliniken und experimentellen Laboratorien verglichen nur arme Teufel, die doch unm�glich etwas wissen k�nnen, was den reichen Verwandten noch unbekannt ist.  

 

2) Es kann nat�rlich nicht zugegeben werden, da� nur die w�gbaren und me�baren Objekte der Erfahrung, also nur naturwissenschaftliche Beobachtungen und Experimente, verl��lich zu nennen sind. Auch innere Erlebnisse, also psychische Realit�ten (und mit diesen besch�ftigt sich jede introspektive Psychologie), k�nnen den Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen abgeben.


Image
Image
Image
ImageImage
 © textlog.de 2004 � 27.08.2026 12:20:58 �
Seite zuletzt aktualisiert: 01.10.2005 
Image
ImageImageImageImage
ImageImage
bibliothekImageImage
Image
textImage
ImageImage
  Home  Impressum  CopyrightImage