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Viertes Kapitel.
Hauslehrertum und Habilitation (1747�1755)

Weshalb wurde Kant Hauslehrer?


Die herk�mmliche Darstellung, dass Kants Leben sich in vollkommener Regelm��igkeit abgespielt habe, trifft mindestens f�r seine j�ngeren Jahre keineswegs zu. Das sahen wir schon bei seiner Studienwahl; dasselbe zeigt sich jetzt bei seinem �bergang zum Hauslehrertum. Ein anderer w�re in der Heimatstadt geblieben, h�tte sich die dortigen Bibliotheken f�r seine Studien, den Umgang mit Professoren f�r sein Vorw�rtskommen, den geselligen Verkehr und die sonstigen Annehmlichkeiten der gro�en Stadt f�r andere Zwecke zunutze gemacht, h�tte schon aus Ehrgeiz auf seine erste Schrift hin die Erlangung der Magisterw�rde, des Doktorgrades und damit seine Privatdozentur erstrebt, die ihm nach Borowski die philosophische Fakult�t "ganz gerne erteilt haben" w�rde. Aber nichts von alledem. Er ging aufs Land. Warum?

Der Tod seines Vaters und die damit in Verbindung stehende Aufl�sung der Familie kann als Grund nicht in Betracht kommen. Denn sein Vater war schon im M�rz 1746 gestorben, im folgenden Sommersemester aber hat Immanuel sicher noch in K�nigsberg gewohnt, da Studiosus Kallenberg, der ihm nach Wl�mers Abgang "freie Wohnung gab", erst am 2. Mai 1746 an der Albertina immatrikuliert worden ist. Ebensowenig die Sorge f�r seine Geschwister, die er doch an Ort und Stelle gerade besser h�tte �bernehmen k�nnen. Zudem wurde der j�ngere Bruder im Hause des Oheims Richter erzogen, die Schwestern aber halfen sich als Dienstm�dchen fort oder verheirateten sich. Eher schon seine D�rftigkeit. Aber der h�tte er doch auch in der Heimatstadt durch Privatunterricht, "F�hrung" von reichen oder adligen Studenten, die vielfach �lteren Studierenden anvertraut wurde oder schriftstellerisches Verdienst abhelfen k�nnen; noch einfacher durch Annahme einer "Schulkollegen-", d. h. Lehrerstelle an einer der h�heren Lehranstalten seiner Vaterstadt, wie sein Schulkamerad Cunde und sp�ter Herder es getan haben. Was also bewog ihn, trotz alledem K�nigsberg zu verlassen?

Nat�rlich k�nnen auch wir nur Vermutungen aufstellen. Mitwirken mochte die Aufl�sung des bisherigen Freundeskreises. Nachdem die n�chsten Freunde, Wl�mer und Heilsberg, die ihm das �u�ere Leben erleichtert, ihn verlassen hatten, mu�te es auch den 23j�hrigen J�ngling einmal hinausziehen aus der Stadt, in der er sein ganzes bisheriges Leben zugebracht, zumal er kein Vaterhaus mehr besa�. Allein der Hauptgrund scheint uns doch ein anderer zu sein: die klare Erfassung der k�nftigen Lebensbahn, die er "sich vorgezeichnet". Er beabsichtigte, sich ganz der reinen Wissenschaft zu widmen. Das aber hie� f�r ihn, der zur freien Schriftstellerei, etwa in Lessings Art, sich weder geneigt noch bef�higt f�hlte: dem Dozentenberuf. Den Bef�higungsnachweis daf�r hatte er wohl durch seine naturphilosophische Schrift erbringen wollen; aber er fand, wie so mancher Anf�nger, keinen Verleger daf�r, und der Beitrag, mit dem ihm der wackere Oheim Richter beisprang, scheint nur einen Teil der Kosten gedeckt zu haben. Um das �brige aus eigenen Mitteln aufbringen zu k�nnen, zugleich aber �berhaupt sich einen finanziellen R�ckhalt f�r die Zukunft zu sichern, durfte er nicht mehr, wie bisher, von der Hand in den Mund leben, sondern mu�te eine dauernde Stellung zu gewinnen suchen, die ihm die M�glichkeit bot, etwas zur�ckzulegen und gleichzeitig auch seine wissenschaftlichen Arbeiten fortzusetzen. Eine solche Aussicht aber versprach der gerade von den �rmeren K�nigsberger Studenten bzw. Kandidaten besonders h�ufig, ja fast regelm��ig ergriffene Hauslehrerberuf.

Ist schon im �brigen Deutschland dies oft auf eine l�ngere Reihe von Jahren sich ausdehnende Hauslehrertum nach Abschlu� des Universit�tsstudiums f�r unbemittelte Kandidaten noch lange Zeit beinahe typisch geblieben � wir erinnern allein aus dem Kreise der Philosophen an so bekannte Beispiele wie Fichte und Herbart, Schelling und Hegel �, so wurde in K�nigsberg diese Gewohnheit durch die wirtschaftlichen, sozialen und Verkehrsverh�ltnisse der Provinz und des benachbarten Kurland noch bef�rdert. Bei dem Mangel an �ffentlichen, namentlich h�heren, Schulen in Verbindung mit der R�ckst�ndigkeit der Verkehrsmittel, f�hlten sich die adligen Gutsbesitzer, oft aber auch die wohlhabenderen Landpfarrer und Dom�nenp�chter auf einen gew�hnlich mit dem vornehmer klingenden Namen "Hofmeister" oder "Informator" beehrten Hauslehrer geradezu angewiesen; und dutzendweise finden sich in Kants eigenem sp�teren Briefwechsel die Bitten an ihn, solche zu empfehlen. Weshalb er verh�ltnism��ig weit weg von K�nigsberg auf das platte Land ging, wissen wir nicht. Vielleicht war es blo�er Zufall, vielleicht aber war ihm auch l�ndliche Einsamkeit f�r die erstrebte innere Sammlung, im Gegensatz zu der hauptst�dtischen Zerstreuung, ganz willkommen. V�llig ausgeschlossen w�re es auch nicht, dass die Kants, die durch das Kirchenbuch in Judtschen um 1730 bezeugt sind, entfernte Verwandte Immanuels waren und ihm durch sie die dortige Stelle vermittelt worden ist. Denn in das Haus des reformierten Pfarrers Andersch in dem litauischen Kirchdorf Judtschen trat der 23j�hrige im Jahre 1747 als Hauslehrer ein.*)

 

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*) Vgl. �ber die ganze Zeit in Judtschen Bernhard Haagen, Auf den Spuren Kants in Judtschen in Altpreu�. Monatsschrift (19II), Bd. 48, S. 382 bis 412 u. 528 bis 556.


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